14.02.2011

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Die „Face­book-Re­vo­lu­ti­on“ – Ge­dan­ken zum Ein­fluss des In­ter­nets auf po­li­ti­sche Um­brü­che (Carta)

Wenn Dik­ta­to­ren fal­len und De­mons­tran­ten Face­book fei­ern, wenn US-Po­li­ti­ker an­ony­me Face­book-Ac­counts for­dern und An­ge­la Mer­kel Twit­ter lobt, wird es Zeit, die Dinge zu sor­tie­ren. Eine aus­führ­li­che Reise durch das The­mend­rei­eck Netz, Po­li­tik & Bür­ger mit drei klei­nen Rant-Be­mer­kun­gen.

In­halt:
Teil 1: Warum das In­ter­net keine po­li­ti­schen Re­vo­lu­tio­nen macht

Teil 2: 37 Me­cha­nis­men des In­ter­nets zur För­de­rung ge­sell­schaft­li­cher Ver­än­de­run­gen

Teil 3: Warum wir kein end­gül­ti­ges Ur­teil über das In­ter­net fäl­len kön­nen

Teil 4: Das Em­power­ment des Pu­bli­kums und die Ge­schmei­dig­keit der De­mo­kra­tie

Post Scrip­tum – Der Vier­tel­ge­viertstrich

Die Dis­kus­si­on um die „Face­book-Re­vo­lu­ti­on“ hat viele Fa­cet­ten. Die erste ist, ob die­ses Wort tat­säch­lich über­haupt von Dis­ku­tan­ten ernst­haft be­nutzt wurde, denn SPIE­GEL ON­LINE schreibt zwar als eine der ers­ten Pu­bli­ka­tio­nen aus­führ­lich dar­über, nennt aber die Quel­le nicht. So woll­ten auch wir es hal­ten, bis wir auf einen Blog­bei­trag der F.A.Z. stie­ßen, der auf die Bas­ler Zei­tung On­line ver­linkt, wel­che sich auf den Nach­rich­ten­dienst dapd be­ruft, der eine Po­li­to­lo­gin na­mens Har­ders der FU Ber­lin als Ägyp­ten­ex­per­tin zi­tiert. Fragt man die Quel­le die­ses Nach­rich­ten­flus­ses per Mail, ant­wor­tet Frau Pro­fes­so­rin Cilja Har­ders, freund­lich und prompt:

„Das habe ich in der Tat ge­sagt, es war aber nicht alles. Es be­gann mit Face­book und dann war Al-Ja­ze­e­ra ganz wich­tig und, so­lan­ge die Te­le­fo­ne noch gin­gen, na­tür­lich auch SMS und Te­le­fon. Das Span­nen­de ist, dass die ganze Be­we­gung ihr Mo­men­tum ge­hal­ten hat, auch nach­dem Te­le­fo­ne und In­ter­net ab­ge­schal­tet waren. Es wurde immer wei­ter ge­pos­tet, die Au­ßen­welt blieb in­for­miert. In­tern wur­den wie­der die alten Fest­netz­lei­tun­gen ak­ti­viert und  in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sper­re war Al-Ja­ze­e­ra ent­schei­dend. Nicht um­sonst hat das Re­gime dem Sen­der die Er­laub­nis ent­zo­gen für ei­ni­ge Tage. Jetzt sen­den sie wie­der aus dem Kai­ro­er Stu­dio.“

Und so haben wir als ers­tes einen Ne­ben­fund: Mehr als dass Face­book zu Be­ginn eine Rolle spiel­te, sagt Frau Prof. Har­ders nicht, mehr woll­te sie zu­min­dest nicht sagen. Ihre These ist nicht ganz so steil, wie sie uns ge­mel­det wurde, weil es schon Face­book-Grup­pen gab. Warum hat nie­mand ge­fragt, der sie zi­tier­te? Fast 7.000 Goog­le-Tref­fer, davon so man­cher in Leit­me­di­en, sind kein Ruh­mes­blatt für eben­die­se.

Teil 1: Warum das In­ter­net keine po­li­ti­schen Re­vo­lu­tio­nen macht

Sogar für den größ­ten In­ter­net-Freund dürf­te klar sein, dass das In­ter­net  keine Re­vo­lu­ti­on „macht“, es kann nur den Aus­druck ent­spre­chen­der Äu­ße­run­gen un­ter­stüt­zen. Auch Pan­zer „ma­chen“ kei­nen Krieg, son­dern Men­schen ma­chen ihn. Der Grund, dass Men­schen po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen for­dern, ist nicht das schö­ne In­ter­net, son­dern die dem auf­tre­ten­den Kon­flikt zu­grun­de lie­gen­de po­li­ti­sche, wirt­schaft­li­che und so­zia­le Kon­stel­la­ti­on – ein­schließ­lich des Zu­stan­des ihrer Frei­heits­rech­te, ob be­schnit­ten oder nicht. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tools sind Ver­stär­ker, nicht Aus­lö­ser so­zia­ler In­ter­ak­ti­on (Quel­le). Das Pa­ra­do­xon daran ist, dass die Ab­schal­tung des In­ter­nets, die Ab­schal­tung von Mo­bil­funk oder der SMS-Mas­sen­ver­sand deut­li­che Sym­pto­me der Ein­schrän­kung von Frei­heits­rech­ten sind, kau­sal konn­ten sie den­noch nicht sein für zeit­lich vor­her­ge­hen­de Er­eig­nis­se der Mas­sen­be­we­gung mit di­gi­ta­len Mit­teln. Ver­mut­lich kön­nen wir aber hier ein zwei­tes ler­nen: Erst durch die Ver­brei­tung mo­der­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel wird auch ihr Ab­schal­ten als Fanal sicht­bar. „Da, seht Ihr!“ ruft der Bür­ger­recht­ler, denn die Hand­lung (Ab­schal­ten) ist nicht mehr Aus­fluss von Dik­ta­tur, son­dern ihr bes­ter Be­weis. Das ist das Pro­blem aller In­ter­net­sper­ren, von China bis Tu­ne­si­en: Spür­ba­rer kann man In­for­ma­ti­ons­frei­heit nicht ein­schrän­ken.

Wel­che Rolle das Web auch immer spiel­te, man soll­te auch Mo­bil­te­le­fo­nie nicht un­ter­schät­zen (Ri­chard Gut­jahr sprach ad-hoc von „Han­dy-Re­vo­lu­ti­on“). Denn wel­ches Werk­zeug haben Men­schen häu­fi­ger bei sich als Bril­le und Ge­biss? Wir müs­sen uns nicht nur den mo­der­nen Busi­ness­kas­per, son­dern wohl auch den mo­der­nen, ur­ba­nen Ägyp­ter – ein schö­nes Bild von Peter Gla­ser– als Sta­tue vor­stel­len, die ein Handy am Ohr hat und so po­ten­ti­ell mit Men­schen per­ma­nent „con­nec­ted“ ist. Wir haben welt­weit ca. 5 Mrd. Han­dys bei 7 Mrd. Men­schen – eine Quote, die in etwa wohl auch Kenia fin­det. Ist mehr Sym­bol­kraft mög­lich, als durch zen­tra­les Ab­schal­ten die­ses welt­ver­bin­den­den Kopf-Fort­sat­zes?

In­ter­net-Evan­ge­lis­ten wird die Ant­wort ent­täu­schen. Die grö­ße­re Sym­bol­kraft geht von In­for­ma­tio­nen über Spit­zel, Hun­ger, Pan­zern und Tö­tun­gen aus, die sich auch ohne In­ter­net wie ein Lauf­feu­er als Re­al-Life-Me­me ver­brei­ten. Ei­gent­lich ver­bie­tet es sich sogar, hier von „Sym­bol­kraft“ zu spre­chen, da sich die Kraft dem ur­sprüng­li­chen Opfer die­ser Hand­lun­gen ge­gen­über durch­weg un­sym­bo­lisch zeigt. Wer wagt es, ein Veil­chen am Auge wegen sei­ner „Sym­bol­kraft“ zu er­wäh­nen? Nein, wer Pan­zer be­fiehlt, wer kör­per­li­che Ge­walt aus­übt, hat im Ver­gleich zum In­ter­net das mäch­ti­ge­re Werk­zeug. Das be­fremd­li­che daran: Der Maus­klick durch nor­ma­le Bür­ger führt nur zum „(Dis-)Like“, der Maus­klick des Sol­da­ten auch zum ech­ten Tod.

So ein­ge­ord­net, darf man die „Macht des In­ter­nets“ nicht über­schät­zen. Die Be­zeich­nung „Face­book-Re­vo­lu­ti­on“ führt wohl viele Leser in die Irre: Man schafft es auch mit alten Me­di­en, Mas­sen zu mo­bi­li­sie­ren (mehr hier). Auch lässt sich nicht be­strei­ten, dass die Nut­zung von On­line-Diens­ten für Bür­ger­recht­ler kon­tra­pro­duk­tiv sein kann, vor allem in au­to­ri­tä­ren Re­gimes, die den In­ter­net­ver­kehr über­wa­chen und sich ge­heim­dienst­lich in On­line-Diens­ten be­we­gen. Je mehr sich die ge­sell­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on ins Web ver­la­gert, um so emp­find­li­cher kann sie durch Kill-Swit­ches und Cy­ber­bom­ben ei­ner­seits oder durch Ab­schalt- und Zen­sur­an­wei­sun­gen von Re­gie­run­gen an­de­rer­seits ge­trof­fen wer­den. Hier zeigt sich die Werk­zeug­ei­gen­schaft des In­ter­nets, das Zweck und Ab­sicht erst durch den han­deln­den Men­schen er­fährt. Auch der beste Ham­mer zeigt sich „böse“, wenn man uns mit ihm schlägt.

Über­haupt, meine ganz per­sön­li­che Mei­nung, ist es noch ein biss­chen früh, von „Re­vo­lu­ti­on“ zu spre­chen. Gut, der Dik­ta­tor muss­te gehen. Aber was kommt jetzt ? Nach den Glück­wün­schen mag ich erst fei­ern, wenn ich freie Wah­len sehe.

Teil 2: 37 Me­cha­nis­men des In­ter­nets zur För­de­rung ge­sell­schaft­li­cher Ver­än­de­run­gen

Bevor wir die Fol­gen des In­ter­net-Ein­sat­zes be­ur­tei­len kön­nen, müs­sen wir seine Me­cha­nis­men und Aus­wir­kun­gen auf die mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­ste­hen.

Es ist weit ver­brei­tet, das In­ter­net ein­fach nur als ein neues Me­di­um an­zu­se­hen. Das ist schon nicht rich­tig, weil es an­de­re Me­di­en ent­hal­ten kann, man muss es daher als „Me­ta-Me­di­um“ oder Con­tai­ner an­se­hen. Aber auch das Me­ta-Me­di­um führt in die Irre, seit Men­schen im Web (! – und nicht nur per Mail oder ICQ) mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. Ich denke, der Pa­ra­dig­men­wech­sel von In­halt zu Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­ten ist der ei­gent­li­che Wan­del seit dem sog. „Web 2.0“ – dazu aber mehr an an­de­rer Stel­le. Durch diese Kom­mu­ni­ka­ti­on ist es bes­ser, das In­ter­net als „ver­schach­tel­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­raum“ (etwa Chris Stö­cker im SpOn) zu be­trach­ten. Es zei­gen sich näm­lich et­li­che Be­son­der­hei­ten die­ses „ver­schach­tel­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rau­mes“, der ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen för­dert, und zwar un­ab­hän­gig von der Staats­form.

Grup­pe 1: In­ter­net­kom­mu­ni­ka­ti­on mit Text, Hy­per­text, Rich Media

  1. Kom­mu­ni­ka­ti­on im In­ter­net ist fast immer schrift­lich re­prä­sen­tiert. Dies führt dazu, dass die In­for­ma­ti­on we­ni­ger flüch­tig ist als in an­de­ren For­men wie dem Radio oder dem Te­le­fo­nat. (Das wird sich mit Voice-/Vi­deo-Diens­ten even­tu­ell än­dern). Hier­durch er­reicht die In­for­ma­ti­on mehr Men­schen. Sie kann auch von die­sen so­lan­ge ab­ge­ru­fen wer­den, bis sie bes­ser ver­stan­den wurde (z.B. Re­play-Funk­ti­on).
  2. Auch TV- und Ra­dio­sen­dun­gen wer­den mit dem Con­tai­ner In­ter­net ver­brei­tet – und sind im Un­ter­schied zu den flüch­ti­gen Ori­gi­na­len je­der­zeit als Kon­ser­ve ab­ruf­bar. Auch hier gibt es also eine Ten­denz zur dau­er­haf­ten Ver­füg­bar­keit von In­for­ma­ti­on.
  3. Schon nach kur­zer Zeit lie­gen Nach­rich­ten in un­ter­schied­li­chen For­ma­ten vor. Durch die Wahl des Me­di­en­typs je nach ge­ne­rel­len oder si­tua­ti­ven Wahr­neh­mungs­vor­lie­ben hat der Nut­zer bes­se­re Chan­cen, die Nach­richt zu ver­ste­hen. (Video, kurz? Oder Text, lang oder kurz? Oder doch Bil­der­ga­le­rie?)
  4. Eine In­for­ma­ti­on wird häu­fig nicht durch Wie­der­ho­lung, son­dern als Re­fe­renz wei­ter­ge­ge­ben (tech­ni­scher Link oder in­halt­li­che Re­fe­renz). Hier­durch bleibt sie in der Wei­ter­ga­be-Ket­te gut er­hal­ten, im Ge­gen­satz zum ver­fäl­schen­den „Stil­le-Post“-Ef­fekt der nicht-di­gi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on.
  5. Durch die Ubi­qui­tät von In­for­ma­ti­on wer­den die In­nen­ver­hält­nis­se einer Re­gi­on nach außen sicht­bar und um­ge­kehrt die Re­ak­tio­nen und Mei­nun­gen von außen von innen sicht­bar. Dies führt zu einem wich­ti­gen Ef­fekt: Der Sup­port aus dem Aus­land be­stärkt Bür­ger­recht­ler auf ihrem Weg. Um­ge­kehrt hel­fen Diens­te von außen den Men­schen innen, frag­men­ta­ri­sches Wis­sen zu­sam­men­zu­füh­ren und zu be­wer­ten. Es gibt viele Dan­kes-Tweets aus Ägyp­ten in diese Rich­tung, die „Sofa“-Ak­ti­vis­ten kön­nen durch­aus Wir­kung er­zie­len.
  6. „Ver­län­ge­rung“ von Me­di­en-In­fra­struk­tur (klas­si­sche Me­di­en): Das In­ter­net als Con­tai­ner für Me­di­en trägt den In­halt von TV- und Ra­dio­sta­tio­nen noch als Ar­chiv „in“ einer Web­site, macht die­sen be­ar­beit­bar, „re­mixable“ und ver­breit­bar (z.B. via Vi­deo­platt­for­men wie Youtube).
  7. Ab­bil­dung von Me­di­en-In­fra­struk­tur (klas­si­sche Me­di­en): wie oben, der Sen­der wird je­doch live ge­streamt.
  8. Sub­sti­tu­ti­on von Me­di­en-In­fra­struk­tur: Bei Stö­run­gen der her­kömm­li­chen Über­tra­gungs­we­ge kann eine TCP/IP-ba­sier­te Par­al­lel­ar­chi­tek­tur die wei­te­re Aus­strah­lung der In­hal­te si­cher­stel­len. (Bei­spiel: Sa­tel­lit einer TV-Sta­ti­on wird durch Re­gime ge­stört).
  9. Sub­sti­tu­ti­on von Me­di­en-In­fra­struk­tur (di­gi­ta­le Me­di­en): Das In­ter­net als Me­di­en-Con­tai­ner hat eine wei­te­re Ei­gen­schaft. Fällt eine Kom­po­nen­te aus, kann das In­ter­net sie mit ein biss­chen In­fra­struk­tur er­set­zen, wie das Bei­spiel des Twit­ter-Ac­counts Speak­2T­weet von Twit­ter und einer Goog­le-Toch­ter ge­zeigt hat, der An­ru­fe auf Mail­bo­xen via Twit­ter zu­gäng­lich und im Web ab­spiel­bar mach­te (siehe hier).
  10. De­zen­tra­li­tät von Daten gibt es an vie­len Stel­len im Web. Eine der wich­tigs­ten ist: Wäh­rend Sta­tus­mel­dun­gen von Face­book und Twit­ter ers­tens nur zu den Be­din­gun­gen die­ser Un­ter­neh­men zu­gäng­lich sind und zwei­tens diese bei­den Sys­te­me als zen­tra­le Sys­tem gut an­greif­bar sind, gibt es in­zwi­schen of­fe­ne Stan­dards, die auch Back­up-Funk­ti­on haben, falls ein an­de­res Sys­tem aus­fällt. Ein Bei­spiel ist http://​doost.​status.​net/, ent­wi­ckelt mit OSta­tus. Folge ist: Wenn Twit­ter von einem Re­gime blo­ckiert wird, wei­chen Nut­zer aus (falls es über­haupt noch eine feste Zu­ord­nung zu Platt­for­men wie Twit­ter geben wird). Das In­ter­net wird auch hier red­un­dant.
  11. De­zen­tra­li­tät des Net­zes. Noch ist es nicht so­weit, dass man das In­ter­net nicht „aus­schal­ten“ könn­te. Mit pri­va­ten Funk­net­zen (ins­be­son­de­re grö­ße­rer Reich­wei­te) sowie einer Kop­pe­lung nach dem Frei­funk-Prin­zip wird je­doch ir­gend­wann der Tag kom­men, dass zu­min­dest in­ner­halb eines tech­ni­sier­ten Lan­des bzw. einer Re­gi­on die Kom­mu­ni­ka­ti­on mög­lich bleibt. Wäh­rend das Han­dy-Mo­bil­funk­netz zen­tra­le Struk­tu­ren hat, die von einem Re­gime ab­ge­schal­tet wer­den kön­nen, wird es durch de­zen­tra­le Web­tech­no­lo­gie ir­gend­wann nicht mehr mög­lich sein, diese Struk­tur zen­tral zu stö­ren.

Grup­pe 2 sind Än­de­run­gen in Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren und –ge­schwin­dig­keit:

  1. Das In­ter­net bie­tet n:n-Kom­mu­ni­ka­ti­on, meh­re­re Per­so­nen kön­nen meh­re­re an­de­re mit einer In­for­ma­ti­on adres­sie­ren. Diese Peer-to-Peer-Struk­tur ist einer der wich­tigs­ten Merk­ma­le. Den­noch geht es zu weit zu sagen „Con­tent was never king. Con­tact is.“ (ty­pisch hier), weil es nur eines von vie­len Merk­ma­len ist.
  2. Das In­ter­net hat vi­ra­le Me­cha­nis­men. Durch die Kom­bi­na­ti­on von so­zia­len Be­zie­hun­gen und Sharing­funk­tio­nen er­rei­chen In­hal­te durch Maus­klick hohe Reich­wei­ten.
  3. Ver­erb­tes Ver­trau­en: durch Ket­ten von Per­so­nen­be­zie­hun­gen wird die Glaub­wür­dig­keit von Quel­len ver­stärkt. Dem al­ge­ri­schen Twit­ter-Freund mei­nes bes­ten Freun­des traue ich sogar mehr als der BBC bei der Frage, ob Al­ge­ri­en das In­ter­net ge­kappt hat, ob­wohl ich den Twit­ter-Freund nie ge­se­hen habe.
  4. Echt­zeit-Kom­mu­ni­ka­ti­on führt zu einer un­ge­kann­ten Ver­brei­tungs­ge­schwin­dig­keit: Was eben in Kairo ge­schah, ist so­fort an jedem Ort ver­füg­bar. Das gilt an­schei­nend nicht nur für Bür­ger-Tweets, son­dern für die ge­sam­te Nach­rich­ten­welt, da sich der Pro­zess der Nach­rich­ten­ver­ar­bei­tung be­schleu­nigt.
  5. Nach­rich­ten­quel­len sind keine In­si­der­quel­len, son­dern wer­den immer mehr je­der­mann zu­gäng­lich, seien es Brea­king-News-Diens­te, Nach­rich­ten­agen­tu­ren,  Jour­na­lis­ten-Tweets und – last but not least – be­rich­ten­de Bür­ger. Hier­durch fin­det eine Ver­kür­zung der Nach­rich­ten­ket­te statt, was nicht nur Zeit­vor­tei­le bie­tet, son­dern auch Feh­ler­quel­len und Raus­chef­fek­te re­du­ziert.
  6. Con­tent-Ag­gre­ga­ti­on ist schon lange bei Such­ma­schi­nen, RSS-Re­a­dern und Por­ta­len wie iGoog­le/pa­ge­flakes/net­vi­bes zu fin­den. Heute fin­den wir sie weit leis­tungs­fä­hi­ger in Ni­schen, Bei­spie­le sind tweet­me­me/rivva, flip­board, com­men­ta­rist und noch ei­ni­ge Dut­zend mehr. Da­durch kön­nen In­for­ma­ti­on von Ab­sen­dern eher un­be­deu­ten­der Reich­wei­ten für je­der­mann sicht­bar wer­den, der nicht viral an­ge­spro­chen wird. Poin­tiert ge­sagt: Ein Bür­ger­kriegs-Da­sh­board ent­steht für den be­ob­ach­ten­den Bür­ger, und er hat gleich­zei­tig die Chan­ce, ei­ge­nen In­halt auf die­ses Da­sh­board oder frem­den In­halt hier­hin zu be­för­dern.
  7. Ma­schi­nel­le Zu­grif­fe (z.B. ver­schie­de­nen Tweet­lis­ten mit ver­schie­de­nen Hash-Tags) auf alle In­for­ma­ti­ons­quel­len er­mög­li­chen dem be­trach­ten­den Bür­ger sei­nen ei­ge­nen „Ge­fechts­stand-Mo­ni­tor“:  Auf zehn Brow­sertabs lässt sich eine Re­vo­lu­ti­on bes­ser ver­fol­gen als die NASA Apol­lo 11 ver­fol­gen konn­te. Es wird span­nend, was pas­siert, wenn sich diese Me­cha­nis­men nicht nur auf Text be­zie­hen. Poppt dann die wich­ti­ge Fern­seh­sen­dung als „Tren­ding TV“ oben rechts auf, neben den Vi­de­os mei­ner Freun­de?
  8. Durch „So­ci­al TV“ (Chat, Twit­ter) wird die Dis­kus­si­on um TV-In­hal­te an­ge­sto­ßen und der ge­sam­te Pro­zess zeit­lich ver­kürzt. Das Au­di­to­ri­um sieht, was im TV wich­tig ist und kann die In­for­ma­ti­on zeit­lich par­al­lel dis­ku­tie­ren und be­wer­ten. Chris Stö­cker nennt das einen „Echo-Raum“. Zur Er­in­ne­rung: Zu einer Abend­sen­dung fand frü­her die Mei­nungs­bil­dung erst am nächs­ten Werk­tag statt. Heute glau­ben wir nach zehn Mi­nu­ten zu wis­sen, ob eine Show gut ist.
  9. „Pu­blic by De­fault“: Bei Twit­ter gut zu be­ob­ach­ten, wie man nach einem ein­fa­chen Such­vor­gang (Text­su­che bzw. Hash­tag) oder Lesen einer Per­so­nen­lis­te (Fol­lo­wer­lis­te und Emp­feh­lungs­lis­te, z.B. als Tweet „For <thema> fol­low @per­son1, @per­son2…“) di­rekt die Tweets einer un­be­kann­ten und weit ent­fern­ten Per­son be­zie­hen kann.
  10. In­ter­na­tio­na­li­tät. Das klingt tri­vi­al und ist es auch. Wie al­ler­dings dann ganze Grup­pen (von aus­län­di­schen NGOs, Po­li­ti­kern und Un­ter­neh­men bis zu ver­schie­de­nen in­län­di­schen Per­so­nen) über­grei­fend ver­netzt sind, ist schon be­ein­dru­ckend http://​www.​kovasboguta.​com/​1/​post/​2011/​02/​first-​post.​html.

Grup­pe 3 sind neue An­ge­bots­for­men

  1. Zen­tra­le Ad-Hoc-In­hal­te­an­ge­bo­te sind schnell auf­ge­setzt. Hier­zu ge­hö­ren na­tür­lich die be­kann­ten An­ge­bo­te von Goog­le und Tum­blr (siehe hier), die unter „Pu­blic Re­la­ti­ons“ ein­zu­ord­nen sind und daher künf­tig über Mil­lio­nen­bud­gets ver­fü­gen wer­den. Was gibt es bes­se­res für ein kom­mer­zi­el­les Un­ter­neh­men, als mit der rich­ti­gen (tro­ja­ni­schen) Idee für eine Woche die Auf­merk­sam­keit der hal­ben Web­welt zu er­hal­ten?
  2. Je­der­mann-Ad-Hoc-In­halt: ein Word­Press-Blog, ein Mi­cro-Blog, eine Web­site, ein (wei­te­rer) Twit­ter-Ac­count wie @An­ony­mous123, eine Face­book-Fan­page, ein Wiki sind schnell auf­ge­setzt. Hinzu kom­men we­ni­ger be­kann­te Diens­te, die auf Flüch­tig­keit an­ge­legt sind und ver­schlüs­sel­te Kom­mu­ni­ka­ti­on er­lau­ben (Bei­spie­le Pas­tee https://​pastee.​org/,  snipt.​org oder One-Click-Mi­cro­blog­ging-Diens­te nach Mach­art von txt.​io). (Ein­stieg in die Gat­tung der Pas­te­bins hier und eine Liste hier). Hier kommt aus der Pro­gram­mier­sze­ne etwas auf die Po­li­tik zu, was noch nicht ge­se­hen wird: Das Je­der­mann-Wi­ki­leaks ist da.
  3. In­stant-Kam­pa­gnen: In­ner­halb we­ni­ger Stun­den ent­ste­hen Kam­pa­gnen-Web­sites, Un­ter­zeich­ner­lis­ten, Shits­torms, Live-Re­por­ta­gen etc., also spe­zi­fi­sche di­gi­ta­le Aus­prä­gun­gen von po­li­ti­schem Ak­ti­vis­mus. In Deutsch­land sehen wir sogar schon, wie eine Kam­pa­gnen-Me­cha­nik re­cy­celt wird: http://​undnucdu.​de/ ist nun die schon min­des­tens drit­te Ver­si­on einer Web­site aus dem Um­feld von Nico Lumma, die nach immer dem­sel­ben Prin­zip funk­tio­niert. Wie lange dau­ert es, bis es In­stant-Kam­pa­gnen oder -Plug­ins gibt, die man sich wie Word­Press-Tem­pla­tes aus­sucht? Gibt es bald den Jim­do-Bau­kas­ten in einer Am­nes­ty-Edi­ti­on? Die Ent­wick­lung beim Vo­ting zeigt den mög­li­chen Fort­schritt.

Grup­pe 4 würde ich ver­suchs­wei­se als Ver­dich­tung und Ver­stär­kung be­zeich­nen:

  1. Bei der Wei­ter­lei­tung von In­for­ma­ti­on fin­det eine Re­le­vanz-Ge­wich­tung mit Re­so­nanz-Ver­stär­kung statt: Der nach Le­ser­mei­nung wich­tigs­te Tweet setzt sich durch (und je mehr Men­schen vo­tie­ren, desto stär­ker wird die­ser Ef­fekt),
  2. Das In­ter­net hilft bei der Ag­gre­ga­ti­on von Nut­zer-Mei­nun­gen, ein Vo­ting, das „Faven“ bei Twit­ter und das „Be­wer­ten“ von Kom­men­ta­ren oder eine Fan­page auf Face­book sind schnell und leicht ein­ge­rich­tet und durch­ge­führt. Wäh­rend oben noch die re­dak­tio­nel­len In­hal­te ag­gre­giert wur­den, wird hier ein Stim­mungs­bild einer Per­so­nen­grup­pe sicht­bar.
  3. So­fern an vie­len Stel­len des In­ter­nets Mei­nungs­äu­ße­run­gen auf­tre­ten (Bei­spiel: 3 Leit­kom­men­ta­re in klas­si­schen Me­di­en, 7 in Blogs) ent­ste­hen durch die Be­wer­tung, das Zi­tie­ren und Re­fe­ren­zie­ren und durch die An­zahl an Kom­men­ta­ren über­grei­fen­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räu­me, wel­che die Ein­zel­platt­form in den Hin­ter­grund drän­gen. Wer ein­mal in­ten­siv eine Netz­de­bat­te ver­folgt hat, kennt den Ef­fekt. Erst sprie­ßen Bei­trä­ge, dann be­ginnt Dis­kus­si­on, es ent­ste­hen Re­pli­ken, Ver­wei­se etc. – bis eine De­bat­te nach ein paar Tagen zum Er­lie­gen kommt. Das würde man wohl einen sich selbst or­ga­ni­sie­ren­den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­raum nen­nen, den kein an­de­res Me­di­um so bie­tet, dass je­der­mann daran teil­neh­men kann. Am Ende ent­steht ein Bild des­sen, was wich­tig war und wel­chen Bei­trag und wel­chen Autor man sich mer­ken soll­te.
  4. An­ony­me Kom­mu­ni­ka­ti­on als eine wei­te­re Di­men­si­on der Kom­mu­ni­ka­ti­on führt zu einer Klar­heit bei der Mei­nungs­äu­ße­rung, wie wir sie nicht ein­mal in frei­heit­li­chen De­mo­kra­ti­en bis­her kann­ten: Nicht nur fällt die Rück­sicht­nah­me auf even­tu­el­le Re­pres­sio­nen durch das po­li­ti­sche Sys­tem weg, es ent­fällt auch der Hang, auf even­tu­el­len so­zia­len Druck Rück­sicht zu neh­men. Ra­di­ka­le Po­si­tio­nen sind eben auch in Deutsch­land leich­ter ge­sagt, wenn man an­onym spricht. „Tod dem König!“. Kein Wun­der, dass ein U.S.-Se­na­tor in­zwi­schen von Face­book for­dert, an­ony­me Pro­fi­le zu­zu­las­sen.
  5. Die ver­kapp­te Mei­nungs­äu­ße­rung ist ein jun­ges Phä­no­men des So­ci­al Sharing. Wer einen Link auf Face­book „teilt“, wer Links auf einem Book­mar­king-Dienst sam­melt, wer einen Tweet ret­weeted, nimmt in­halt­lich keine Stel­lung, son­dern ver­weist nur auf die­sen Link be­zie­hungs­wei­se Tweet. Er wird aber meis­tens eine ihm ge­neh­me Mei­nung häu­fi­ger ver­tei­len als eine ihm nicht ge­neh­me. Folge: Trotz der for­ma­len Neu­tra­li­tät ist bei Sharing die Wahr­schein­lich­keit von Zu­stim­mung höher als die von Ab­leh­nung. „Tod dem König“ von @Ant­ago­nist er­zeugt auf Ag­gre­ga­ti­ons­ebe­ne (z.B. Top-Tweets) schnell den Ein­druck einer be­weg­ten Men­schen­men­ge, die dem Tweet zu­stimmt. Die­ser Ein­druck muß nicht rich­tig sein, es ge­nügt aber die Ge­wiss­heit, dass et­li­che Nut­zer den Ret­weet je­den­falls nicht für eine bloße Wei­ter­ga­be hal­ten, die voll­kom­men neu­tral ist. Viel­leicht muß man auf­grund des of­fen­kun­di­gen Emp­fän­ger­pro­blems, der in seine ei­ge­nen Vor­ur­teils­fal­len tappt, hier auch von einer ver­se­hent­li­chen Mei­nungs­bil­dung spre­chen.
  6. Kurz­in­for­ma­ti­on auf Diens­ten wie Twit­ter führt durch den Zwang zur Ver­kür­zung noch zu drei wei­te­ren Ef­fek­ten: Ers­tens gibt es Kurz­for­men der Zu­stim­mung, z.B. „+1“. Zwei­tens wer­den kom­ple­xe Aus­sa­gen zwangs­läu­fig zu kur­zen State­ments re­du­ziert, die für Dif­fe­ren­ziert­heit wenig Raum las­sen: Die Welt ord­net sich in die Po­la­ri­tät von Pro und Con­tra. Drit­tens hat die Spra­che häu­fig ap­pell­haf­ten, im­pe­ra­ti­ven Cha­rak­ter.
  7. All dies führt beim ein­zel­nen Leser zu einer vor­ur­teils­kon­for­men Wahr­neh­mung und damit ins­ge­samt zu einem „Auf­puts­chef­fekt“: Nach zehn gleich­ar­ti­gen Tweets (so­wohl neu­tral wie ex­pli­zit zu­stim­mend) zu einem Thema un­ter­liegt man schnell dem Ein­fluss derer, die man für die ver­meint­li­che Mehr­heit hält. Es fühlt sich an wie das Be­ob­ach­ten eines di­gi­ta­len Ham­mel­sprungs: 7 links da­ge­gen, 3 rechts dafür – auch ich bin dann da­ge­gen.

Grup­pe 5: Ver­schie­de­nes

  1. Da­ten­bank­ge­stütz­te Zu­gangs­we­ge auf alle In­for­ma­tio­nen er­mög­li­chen se­kun­den­schnel­len Zu­griff auf Daten. So ent­ste­hen bei­spiels­wei­se mit Hash­tags Zu­griffs­mög­lich­kei­ten auf „Big Data“, wobei die Zu­ord­nung von Hash­tag und In­halt durch Ver­ein­ba­rung der Grup­pe er­folgt und sehr dy­na­misch sein kann. Ent­spre­chen­des gilt z.B. für Fotos von Kriegs­schau­plät­zen mit Geo­ko­or­di­na­ten.
  2. Es schei­nen neue Rol­len zu ent­ste­hen: Zum De­mons­tran­ten ge­sellt sich der Sup­por­ter, der eine Web­site zum Thema baut, aber nicht de­mons­triert (Bei­spiel Women of Egypt <FB_Gal­le­ry_­link>). Viel­leicht wer­den sich unter den On­line-Sup­por­tern wei­te­re Rol­len aus­dif­fe­ren­zie­ren: der Bür­ger-Re­por­ter, der Pro­mo­tor, der Pus­her, der Bom­ber (mit sei­ner DDoS-Ka­no­ne) usw.
  3. Di­gi­ta­ler Klin­gel­beu­tel: Mit der Mög­lich­keit künf­ti­ger Han­dies, Mi­cro­pay­ments vor allem via Near Field Com­mu­ni­ca­ti­on ab­zu­wi­ckeln, wer­den Be­we­gun­gen in einer wei­te­ren Di­men­si­on di­gi­ta­li­siert wer­den. Crowd­fun­ding im Stile von spot.​us, kick­star­ter, bet­ter­place.org ist heute schon da, man wird je­doch „in­stant“ zu Spen­den auf­ru­fen und auch Spen­den vor­neh­men kön­nen. „Wir brau­chen eine Vi­deo­ka­me­ra – spen­det hier“ wird der neue di­gi­ta­le Klin­gel­beu­tel, flan­kiert von Face­books vir­tu­el­ler Wäh­rung.
  4. Zu­sätz­lich hilft das In­ter­net noch bei der Or­ga­ni­sa­ti­on des Wi­der­stands: Grup­pen fin­den sich auf Platt­for­men, sam­meln In­for­ma­tio­nen (z.B. über in­haf­tier­te De­mons­tran­ten – in einem Wiki als Ad-Hoc-An­ge­bot, siehe oben) und ver­ab­re­den sich, um nur ei­ni­ge Bei­spie­le zu nen­nen.
  5. Ak­ti­vis­ten-War-Room: Was ein­zel­ne kön­nen, kön­nen Grup­pen erst recht. Die di­gi­ta­le Ak­ti­vis­ten­grup­pe ist ge­bo­ren, die aus dem Wohn­zim­mer her­aus Kam­pa­gnen steu­ert und ent­wi­ckelt (Bei­spiel aus Kairo, Video hier). Mit ent­spre­chen­den Kol­la­bo­ra­ti­ons­tools, etwa Goog­le Docs, Skype etc. kann diese Grup­pe sich auch vir­tu­ell ma­na­gen.
  6. Alle Be­tei­lig­ten be­die­nen sich ech­ter Mo­ni­to­ring-Tools, um die Si­tua­ti­on ana­ly­sie­ren zu kön­nen und im ei­ge­nen In­ter­es­se in die Kom­mu­ni­ka­ti­on ein­zu­grei­fen. Das In­ter­net ist also, weil (noch) des­sen öf­fent­li­che Teile un­ge­schützt für die Kom­mu­ni­ka­ti­on ein­ge­setzt wer­den, trans­pa­ren­ter als es Te­le­fo­nie je war, weil je­der­mann die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ein­fa­chen Mit­teln be­ob­ach­ten kann.

Zwi­schen­er­geb­nis:

Durch das In­ter­net ver­än­dern sich kom­mu­ni­ka­ti­ve Pro­zes­se sehr stark. Be­trof­fen sind In­halts­for­men, Ver­net­zungs­struk­tu­ren, Nach­rich­ten­ket­ten, Ver­dich­tungs­me­cha­nis­men, Be­schleu­ni­gungs­ef­fek­te, Mei­nungs­fin­dung, Ak­ti­vis­mus­for­men, Be­ob­ach­tung/Mo­ni­to­ring und Fi­nan­zie­rung, um nur die wich­tigs­ten Schlag­wör­ter zu nen­nen.

Wo und wie genau das In­ter­net in Ägyp­ten wirk­te, ist noch nicht ganz klar. Es ist eine Über­trei­bung, von Face­book-Re­vo­lu­ti­on zu spre­chen. An­ge­sichts von 20% In­ter­ne­t­abde­ckung, wird man wohl das In­ter­net (ins­be­son­de­re Face­book) mit sei­nen Äu­ße­rungs- und Ver­net­zungs­form als ers­ten Schritt der Ar­ti­ku­la­ti­on sehen müs­sen, ab kri­ti­scher Masse ge­folgt von rea­lem Pro­test auf dem Tar­hir-Platz. Ab die­ser Stel­le hatte Al Ja­ze­e­ra mit sei­ner Live-Be­richt­er­stat­tung große Kraft, wohl eher ver­stärkt durch Twit­ter-Kom­mu­ni­ka­ti­on als durch Face­book – und in Wech­sel­wir­kung mit dem TV-Strea­m­ing.

Teil 3: Warum wir kein end­gül­ti­ges Ur­teil über das In­ter­net fäl­len kön­nen

Ägyp­ten zeigt: Das Ab­schal­ten, das Über­wa­chen und das Ver­sen­den von Nach­rich­ten sind auch heute noch das Re­per­toire von Dik­ta­to­ren.

Was wir hier an Tech­nik sehen konn­ten, steht so sehr am An­fang, dass sich ein Lob des „In­ter­nets an sich“ ver­bie­tet. Von einer Dys­to­pie vom Stand der Tech­nik her sind wir nicht all­zu­weit ent­fernt: Dass näm­lich zu­sätz­lich zu den heute er­kann­ten Ein­grifssge­fah­ren die An­ony­mi­tät der In­ter­net­kom­men­ta­re von Spe­zi­al­pro­gram­men zur Au­to­ren­er­ken­nung auf­ge­ho­ben wird, dass Ma­schi­nen zur sys­te­ma­ti­schen di­gi­ta­len Des­in­for­ma­ti­on als di­gi­ta­le Ne­bel­bom­ben ein­ge­setzt wer­den, dass Soft­ware-Agen­ten an­hand von Geo­ko­or­di­na­ten hohe Per­so­nen­dich­ten er­ken­nen kön­nen, dass künf­tig Mi­ni-Droh­nen Bür­ger über­wa­chen. Wer sagt uns denn, dass ein hoch­tech­ni­sier­tes Un­rechts­re­gime nicht eines Tages Face­book-An­fra­gen von Ro­bots aus ver­schickt, Miss­trau­en schü­ren­de In­hal­te ver­brei­tet und die Ten­ta­kel des In­ter­net of Things uns nicht in der ei­ge­nen Tief­ga­ra­ge ein­sper­ren, weil wir am Nach­mit­tag zuvor einer Face­book-Grup­pe bei­ge­tre­ten sind oder etwas get­wit­tert haben, was eine Sen­ti­nen­tana­ly­se nicht ganz so wit­zig fand?

Auch wenn diese Dys­to­pie nicht ein­tritt, vie­les ist schon heute mög­lich. Was wird denn aus der nächs­ten Re­vo­lu­ti­on, wenn ein Re­gime ein zen­tra­les In­ter­net-Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­tem stört, ein Platt­form­an­bie­ter heim­lich eine Back­door zum Mo­ni­to­ring an­bringt oder ge­zielt in die Mei­nungs­bil­dung ein­greift – zum Bei­spiel durch Zen­sur von Sta­tus­mel­dun­gen oder „Ent­freun­den“ von Men­schen, die be­stimm­te The­men­sei­ten mögen (Phan­ta­sie eines Se­na­tors) ? Warum soll­te sich Face­book in Ägyp­ten an­ders ver­hal­ten (müs­sen) als Vo­da­fo­ne, eine lo­ka­le Re­prä­sen­tanz mit Ver­triebs­funk­ti­on vor­aus­ge­setzt, deren Men­schen­le­ben ge­fähr­det sind? Haben wir wirk­lich schon einen ech­ten Cy­ber­war ge­se­hen, eines Re­gimes gegen seine Bür­ger, und nicht nur von Re­gie­rung zu Re­gie­rung gegen aus­län­di­sche Zen­tri­fu­gen?

Wir müs­sen also dis­ku­tie­ren, was mor­gen wer­den soll. Es ist denk­bar, dass das In­ter­net für freie Mei­nungs­äu­ße­rung über­all auf der Welt eines Tages un­be­nutz­bar wird, wenn wir Tech­no­kra­ten nicht ge­sell­schaft­lich in ihre Schran­ken wei­sen und von Si­cher­heits­fa­na­ti­kern nicht immer wie­der eine Recht­fer­ti­gung für ihre Ein­grif­fe in Frei­heits­rech­te ver­lan­gen – was hier­zu­lan­de wohl un­ge­heu­er re­vo­lu­tio­när klingt, aber schon immer un­be­strit­te­ne Mei­nung in der Grund­rechts­dog­ma­tik ist, die „Ver­hält­nis­mä­ßig­keit“ lässt grü­ßen. Hier geht es nicht um einen ge­sell­schaft­li­chen Ne­ben­schau­platz. Es geht zum ers­ten um das Pri­mat des Sol­lens ge­gen­über dem Kön­nen, zum zwei­ten um Frei­heit ver­sus Si­cher­heit (Si­cher­heit ist kein gleich­ran­gi­ges Rechts­gut!) und drit­tens um eine Be­trach­tung der gan­zen Pro­ble­ma­tik aus einer his­to­ri­schen Per­spek­ti­ve (be­denkt man die Dauer mög­li­chen Da­ten­miss­brauchs: ein Men­schen­le­ben, von heute an). Was sol­len wir in 80 Jah­ren dür­fen, wenn jeder seine Vi­deo­droh­nen hat? Steigt die Miß­brauchs­ge­fahr des In­ter­nets, weil es wei­ter in die Wirk­lich­keit dringt, mit sei­nen Sen­so­ren und Ak­to­ren? Man muss kein „Ma­trix“-Fan mehr sein, um die Dys­to­pie des di­gi­ta­li­sier­ten To­ta­li­ta­ris­mus für mög­lich zu hal­ten.

Die Worte von An­ge­la Mer­kel, dass „es zu­neh­mend schwie­ri­ger wird, Twit­ter und Face­book“ zu sper­ren, sind nicht glück­lich ge­wählt. Ers­tens sind genau diese bei­den Sys­te­me je­weils ein „Sin­gle Point of Failu­re“ – sie zu sper­ren ist ge­gen­über den üb­ri­gen 95% der Web­nut­zung ver­gleichs­wei­se ein­fach. Zwei­tens darf man hof­fen, dass die Kanz­le­rin die bei­den Diens­te als Stell­ver­tre­ter für „Web-2.0-Diens­te“ ver­stand, als sie ihre Rede hielt, ge­nau­er: den Teil des Webs, in dem je­der­mann un­ge­hin­dert, kos­ten­los, von über­all und mit ge­rin­gen Mit­teln pu­bli­zie­ren kann („Wri­te­Web“). Drit­tens zeugt die Zu­satz­aus­sa­ge, es sei „auch … unser Ver­dienst“, dass diese Diens­te nur schwer zu sper­ren seien, min­des­tens für man­geln­des Fein­ge­fühl in der Dis­kus­si­on um Netz­sper­ren, De­ep-Pa­cket-In­spec­tion, ma­schi­nel­le Ab­mahn­war­nun­gen, Kill-Swit­ches und Vor­rats­da­ten­spei­che­rung. Im Kon­text ge­meint waren mit „unser“ ver­mut­lich die De­mo­kra­ti­en west­li­cher Prä­gung; aus der Per­spek­ti­ve eines In­län­ders mutet diese Aus­sa­ge je­doch wie eine Pro­vo­ka­ti­on an. Wen, wenn nicht Face­book, kann man sper­ren – ein Un­ter­neh­men, das aus­schließ­lich U.S.-Ser­ver hat, des­sen An­schrift be­kannt ist und des­sen Grün­ders Pri­vat­le­ben von Hol­ly­wood ver­filmt wurde? Wer Netz­sper­ren erst ge­setz­lich fest­schreibt und da­nach durch die Exe­ku­ti­ve kas­siert, muss sie le­gis­la­tiv spä­tes­tens dann auf­he­ben, wenn er öf­fent­lich sagt, dass nicht ein­mal Face­book ge­sperrt wer­den kann. „Wir“, die frei­heit­li­chen De­mo­kra­ti­en, wären je­den­falls gut be­ra­ten, den mög­li­chen Scha­den von Sperrar­chi­tek­tu­ren nicht nur auf die Ge­gen­wart zu be­zie­hen. Auch nach 60 Jah­ren De­mo­kra­tie und Rechts­staat kön­nen wir nicht si­cher sein, was in De­ka­den vor uns liegt. Wer weiß schon so genau, ob sich der Welt­geist immer nur zur Ver­nunft hin be­wegt? Tu­ne­si­en und Ägyp­ten sind fast schon ein Be­weis dafür, wie sich das Blatt 20 Tage spä­ter un­er­war­tet wen­den kann. Viel­leicht hatte es doch Vor­tei­le, einen His­to­ri­ker zum Kanz­ler zu haben?

Es gilt also, lang­fris­ti­ger zu den­ken. Ich halte es für einen Feh­ler, aus ak­tu­el­len Er­eig­nis­sen mit ak­tu­el­len tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten aus­ge­rech­net in Afri­ka auf den Wert des In­ter­nets zu schlie­ßen. Über das In­ter­net kön­nen wir viel­leicht in 30 Jah­ren ur­tei­len, wenn ein Des­pot die Hälf­te sei­ner 50 Mil­li­ar­den USD in die fünf­te Ge­ne­ra­ti­on von Über­wa­chungs­tech­nik ge­steckt hat. Bis dahin heißt es: de­zen­tra­le und aus­fall­si­che­re Ar­chi­tek­tu­ren schaf­fen und den Aus­tausch von Daten zu stan­dar­di­sie­ren und even­tu­ell sogar als An­spruch zu re­geln. Auch müs­sen wir mit­tel­fris­tig dar­über nach­den­ken, wie wir der Dis­kri­mi­nie­rung durch pri­va­te Platt­for­men bei der Aus­übung grund­rechts­re­le­van­ter Tä­tig­kei­ten vor­beu­gen. Pri­vat­un­ter­neh­men welt­weit in die­ser Weise zu ver­pflich­ten ist ein rechts­dog­ma­ti­sches und wirt­schaft­li­ches Mi­nen­feld und es be­steht hier auch kein Grund zur Eile, zumal die schwar­zen Scha­fe nicht Goog­le, Face­book oder Twit­ter sind. Es geht auch nicht un­be­dingt um den „gro­ßen Wurf“, wie man an Klei­nig­kei­ten sieht, ob etwa Face­book einen https-Ac­count an­bie­ten muss. Doch soll­te man diese Ge­men­ge­la­ge im Blick haben, bevor es wirk­lich ein­mal zu Pro­ble­men kommt. Wenn sich das In­ter­net und seine Play­er wei­ter so ent­wi­ckeln, wird ir­gend­wann die Frage kom­men müs­sen: Wie kön­nen wir si­cher­stel­len, dass das Be­triebs­sys­tem der Mensch­heits­kom­mu­ni­ka­ti­on auch im Not­fall und dis­kri­mi­nie­rungs­frei funk­tio­niert?

Teil 4: Das Em­power­ment des Pu­bli­kums und die Ge­schmei­dig­keit der De­mo­kra­tie

Wir haben oben (2.) ge­zeigt, dass das In­ter­net durch seine spe­zi­fi­schen Mög­lich­kei­ten die Kom­mu­ni­ka­ti­on stark ver­än­dert. Um die Aus­wir­kun­gen ge­nau­er zu be­trach­ten, ist eine Er­kennt­nis hilf­reich: „Das Web ist ein Sys­tem, das es an­de­ren Sys­te­men er­mög­licht, für­ein­an­der Um­welt zu sein.“ (Mar­kus Spath, hackr). Dies be­deu­tet, dass man nicht nur die „Ak­ti­vis­ten“-Kom­mu­ni­ka­ti­on be­trach­ten darf, um die Fol­gen des In­ter­nets ein­zu­schät­zen. Man muss statt­des­sen ei­ner­seits die In­ter­ak­ti­on zwi­schen Po­li­tik, Me­di­en, Pu­bli­kum und an­de­ren Sys­te­men be­trach­ten, an­de­rer­seits die Ver­än­de­run­gen je­weils in­ner­halb die­ser Sys­te­me – weil das In­ter­net die Kom­mu­ni­ka­ti­on in­ner­halb von Sys­te­men und zwi­schen die­sen trägt und ver­än­dert.

Diese Ge­samt­sicht taugt als Ha­bi­li­ta­ti­ons­the­ma, daher hier nur Grund­ge­dan­ken:

Im to­ta­li­tä­ren Sys­tem, das Re­gie­rung, Par­tei­en, Me­di­en gleich­schal­tet und hier­durch den ge­sam­ten Pro­zeß von a) Mei­nungs­äu­ße­rung über b) Wil­lens­bil­dung und c) Ver­dich­tung und d) Wahl­ent­schei­dung ver­hin­dert und ma­ni­pu­liert, kann das In­ter­net das Pu­bli­kum be­fä­hi­gen, sich wider Wil­len der Herr­scher öf­fent­lich zu äu­ßern (Wri­te­Web, Twit­ter…), sich eine Mei­nung zu bil­den (Dis­kus­sio­nen in Blogs, in so­zia­len Netz­wer­ken, auf Twit­ter…), diese zu ver­dich­ten (Fol­lo­wer, Likes, RTs…) und sich zu or­ga­ni­sie­ren und kon­kre­te Ak­ti­vi­tä­ten im „Real Life“ zu ent­wi­ckeln (Ak­ti­vis­mus-Bei­spie­le oben 2.). So­bald im „Real Life“ Er­eig­nis­se statt­fin­den, wird die Sys­tem­gren­ze zwi­schen In­land und Aus­land über­schrit­ten, die das to­ta­li­tä­re Re­gime unter Kon­trol­le hatte: durch Han­dy­auf­nah­men im In­land und TV aus dem Aus­land wird jedes Er­eig­nis für je­der­mann sicht­bar (und zwar über In­ter­net UND an­de­re Me­di­en). Durch kom­mu­ni­ka­ti­ve Be­glei­tung („So­ci­al TV“) ent­ste­hen Ver­stär­kungs­ef­fek­te mit gro­ßer Spreng­kraft.

Dies be­wirkt das In­ter­net aber „nur“ im Pu­bli­kum, da alle an­de­ren Sys­te­me kon­trol­liert, gleich­ge­schal­tet, ab­ge­schot­tet sind: Es ist das Pu­bli­kum, das sich äu­ßert, dis­ku­tiert, sich or­ga­ni­siert, ent­schei­det und letzt­lich „auf der Stra­ße“ han­delt. Hinzu kommt, wie eben ge­sagt, dass die Sys­tem­gren­ze zwi­schen In­lands- und Aus­lands-Kom­mu­ni­ka­ti­ons­raum fällt.

In der De­mo­kra­tie sind die Aus­wir­kun­gen des In­ter­nets weit­ge­hen­der und kom­ple­xer, da sich durch die Nut­zung des In­ter­nets auch das po­li­ti­sche Sys­tem und die Me­di­en ver­än­dern. Hier ei­ni­ge schon heute sicht­ba­re An­sät­ze, die zu­sätz­lich zu den Pu­bli­kums­ef­fek­ten (oben, Dik­ta­tur) auf­tre­ten:

  1. Po­li­ti­sches Sys­tem: Das In­ne­re und somit auch die Qua­li­täts­män­gel von Po­li­tik wer­den sicht­ba­rer als bis­her, und zwar von den Er­geb­nis­sen (z.B. Ge­set­zes­ent­wür­fen, die zum Teil recht kom­pe­tent in Blogs dis­ku­tiert wer­den, z.B. JMStV), Pro­zes­sen (Live-Streams von Par­la­ments­sit­zun­gen, Pres­se­kon­fe­ren­zen, Aus­schüs­sen, En­que­te…) und Per­so­nen (ich meine hier z.B. Tweets ei­ni­ger Ab­ge­ord­ne­ter).
  2. Durch Di­gi­ta­li­sie­rung ver­liert das Me­di­en­sys­tem an Leit­kraft. Wer will, holt sich mit einem Klick meh­re­re un­ter­schied­li­che Mei­nun­gen ein, in jedem Fall aber sieht er fast immer kri­ti­sche Le­ser­kom­men­ta­re. Schritt 1: Die Ein­zel­pu­bli­ka­ti­on ver­liert das Über­schie­ßen­de an Leucht­kraft, mit­un­ter sogar ihre Glaub­wür­dig­keit. Schritt 2: Die Mei­nungs­viel­falt über alle Pu­bli­ka­tio­nen hin­weg wird sicht­ba­rer. Schritt 3: Der na­tür­li­che Wille zur ei­ge­nen Iden­ti­täts­bil­dung ver­schiebt die ei­ge­ne Mei­nungs­bil­dung vom Mus­ter, frem­de Wer­tun­gen zu über­neh­men, zum Mus­ter, sich selbst zwi­schen di­ver­gie­ren­den Mei­nun­gen ent­schei­den zu müs­sen. Das Selbst­ver­trau­en des Pu­bli­kums steigt, zumal echte oder schein­ba­re Ex­per­ten die Szene mit­be­stim­men.
  3. Die Tren­nung von Me­di­en und Pu­bli­kum wird durch das Wri­te­Web auf­ge­ho­ben: es kann ja jeder schrei­ben und wird zum Pu­bli­zis­ten. (Heu­ti­ge Reich­wei­ten der Nach­rich­ten­por­ta­le be­stä­ti­gen das noch nicht.) Auch dies kann dazu füh­ren, dass das her­ge­brach­te Me­di­en­sys­tem an Wir­kung ver­liert. Viel­leicht läßt es sich auch ir­gend­wann vom Pu­bli­kum nicht mehr tren­nen: ein Teil schreibt, und ein Teil liest und kom­men­tiert – der Rest ist Tech­nik zur Dis­tri­bu­ti­on, Ag­gre­ga­ti­on, Be­zah­lung?
  4. Pu­bli­kum: Das Pu­bli­kum er­lebt Ent­frem­dung zur Po­li­tik, da ers­tens das pro­fes­sio­nel­le Me­di­en­sys­tem die Leit­kraft ver­liert (s.o.). Die Ent­frem­dung steigt, wenn sich zwei­tens das po­li­ti­sche Sys­tem nicht kom­mu­ni­ka­tiv re­for­mie­ren kann, indem es in­halts­leer-ap­pela­ti­ve, sinn­lo­se und ri­tu­ell er­starr­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ar­te­fak­te wie­der­holt („Die Frak­ti­on hat sich auf­grund par­la­men­ta­ri­scher Zwän­ge an­ders ent­schlos­sen“, „FDP statt GRÜNE“, „Ich bilde kein Schat­ten­ka­bi­nett.“,„Bin beim Schüt­zen­fest“-Tweet). Kommt es drit­tens zu Er­geb­nis­sen, die für ein­fa­che Bür­ger ohne die Ver­mitt­lung der Me­di­en recht skur­ril aus­se­hen, steigt die Ent­frem­dung: Hätte nicht schon Pooh der Bär ge­fragt, wieso man eine En­que­te ein­setzt, wenn man zeit­gleich eine Ka­ko­pho­nie der skur­rils­ten Ge­set­zes­vor­schlä­ge und Vor­ge­hens­wei­sen von Po­li­ti­kern und Mi­nis­tern bzw. Se­na­to­ren in der Pres­se lesen muß? Muss man Vul­ka­nier sein, um den Wi­der­spruch zwi­schen der grund­ge­setz­lich ver­an­ker­ten Volks­sou­ve­rä­ni­tät ei­ner­seits und „EU-Vor­ga­ben“ bei der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung an­de­rer­seits zu er­ken­nen? Hätte ALF keine Ent­schul­di­gung von sei­nen Pfle­ge­el­tern ver­langt, wenn diese ein ver­fas­sungs­wid­ri­ges Ge­setz zu sei­ner Über­wa­chung er­las­sen hät­ten?
  5. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le zu be­spie­len wird für die Po­li­tik mög­li­cher­wei­se schwie­ri­ger: Das struk­tu­rier­te, her­ge­brach­te Me­di­en­sys­tem wird zu­nächst er­gänzt (und viel­leicht auch er­setzt, siehe z.B. news­gra­pe.com) durch eine dy­na­mi­sche Ad-Hoc-Struk­tur mit einer Viel­zahl von „In­put-Stel­len“. Hier än­dern sich mög­li­cher­wei­se Schnitt­stel­len zwi­schen Po­li­tik und Me­di­en (von alt zu neu.)
  6. Der um­ge­kehr­te Kanal von Pu­bli­kum zu Po­li­tik wird immer di­rek­ter und schnel­ler: Gre­mi­en und Man­dats­trä­ger sehen durch mo­der­ne So­ci­al Media Mo­ni­to­ring Tools den Mei­nungs­stand im Pu­bli­kum zu allen re­le­van­ten The­men. Wir sind keine 10 Jahre ent­fernt von einer Real­time-De­mo­sko­pie, bei der Stabs­stel­len mor­gens in Ber­lin ein um­fas­sen­des, gleich­för­mi­ges Re­porting über die Vol­kes­stim­mung ihren Ent­schei­dern vor­le­gen. Wenn hier noch her­kömm­li­che Me­di­en be­rich­ten – und das wer­den sie! – ent­steht ein neuer Echt­zeit-Echo-Raum.
  7. Leak-Platt­for­men sind dar­auf aus­ge­rich­tet, dass kein Sys­tem mehr eine In­nen­sicht mit Si­cher­heit an­neh­men kann. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on dringt ent­we­der nach aus­sen oder fin­det nicht mehr di­gi­tal statt (oder muss ver­schlüs­selt wer­den.)

Es sieht alles da­nach aus, als würde das Pu­bli­kum ers­tens tie­fer in Me­di­en- und Po­li­tik-Sys­tem „hin­ein­se­hen“ kön­nen (mit ers­te­rem lang­fris­tig viel­leicht sogar ver­schmel­zen?), sich zwei­tens stär­ker von den eta­blier­ten Play­ern in Me­di­en und Po­li­tik dis­tan­zie­ren und drit­tens stär­ker in­ner­halb (un­ter­ein­an­der) zu­sam­men­rü­cken. Das kann man Em­power­ment oder Par­ti­zi­pa­ti­on nen­nen und als Weg zur ge­leb­ten Volks­sou­ve­rä­ni­tät fei­ern, der durch das In­ter­net ge­eb­net wird. Dabei wirkt die Struk­tur­lo­sig­keit und die Un­vor­her­sag­bar­keit des Pu­bli­kums mit­un­ter be­droh­lich, kann je­doch kurz­fris­tig – weil nicht le­gi­ti­miert zu Recht­set­zung und Ge­walt­aus­übung – nichts „an­rich­ten“, weil es per­so­nell von der Le­gis­la­ti­ve ent­kop­pelt ist. Für die Syn­chro­ni­sie­rung zwi­schen Pu­bli­kum und  Po­li­tik sor­gen die nächs­ten Wah­len –  und die Po­li­tik nimmt dies künf­tig durch ihre Be­stre­bun­gen vor­weg, die Be­we­gun­gen des Pu­bli­kums mög­lichst in Real­time-De­mo­sko­pie nach­zu­bil­den, am bes­ten in Face­book, damit die Dis­tanz sich eben nicht ver­grö­ßert. Doch hat nur die Po­li­tik in de­mo­kra­ti­schen Sys­te­men diese „Ge­schmei­dig­keit“ zum Macht­er­halt. Dem Dik­ta­tor, der sich nicht an­pas­sen will, wird die­ses Em­power­ment des Pu­bli­kums zum Ver-Häng­nis.

Post Scrip­tum – Der Vier­tel­ge­viertstrich

Nun wis­sen wir also, dass es eine „Re­vo­lu­ti­on durch Face­book“ nicht gab und eine „Face­book-Re­vo­lu­ti­on“ auch nie be­haup­tet wurde. Trotz­dem fan­den sich neben den Ab­schrei­bern, wel­che die These kol­por­tier­ten, auch wie­der ein­mal Pro­tes­tan­ten, die gleich die An­ti­the­se an die Tür na­gel­ten, bei­spiels­wei­se im Blog der SPD.

Es ist fas­zi­nie­rend zu sehen, wie 16 Buch­sta­ben und ein Strich das Me­di­en­sys­tem in Schwin­gung brin­gen. Gibt es ein un­kla­re­res Wort als „Face­book-Re­vo­lu­ti­on“? In wel­chem Ver­hält­nis stan­den „Face­book“ und „Re­vo­lu­ti­on“? Re­vo­lu­ti­on bei Face­book (wie bei Win­ter-Schluss­ver­kauf), Re­vo­lu­ti­on von Face­book (wie bei Ho­sen-Trä­ger) oder Re­vo­lu­ti­on zum Zwe­cke von Face­book (wie bei Kil­ler-To­ma­te)? Ein Blick in die Wi­ki­pe­dia zeigt: Die Kop­pe­lung durch den Vier­tel­ge­viertstrich hat gar keine Se­man­tik, die Teile sind auf ge­heim­nis­vol­le Weise ein­fach nur ver­bun­den, wie zwei Dinge mit Kleb­stoff. Es ist ein Kreuz mit dem Bin­de­strich. Pro­fi- Jour­na­lis­ten hät­ten hier noch stut­zi­ger wer­den müs­sen als beim Satz „Aber der Islam ge­hört in­zwi­schen auch zu Deutsch­land“, weil letz­te­rer ja im­mer­hin mit „ge­hört-zu“ die Be­zie­hung zwi­schen „Islam“ und „Deutsch­land“ in über­haupt ir­gend­ei­ner Weise zu be­schrei­ben ver­sucht.

Nun hätte man die un­kla­re Wort­wahl freund­lich igno­rie­ren, den Um­stän­den zu­schrei­ben oder bei der Pro­fes­so­rin nach­fra­gen kön­nen. Der Re­flex ist aber Kri­tik. Das ver­wun­dert, denn auch zur Be­zeich­nung „No­vem­ber-Re­vo­lu­ti­on” sind seit 1919 und zur „Mai-Re­vo­lu­ti­on“ seit 1810 keine kri­ti­schen Bei­trä­ge ver­nom­men wor­den. Es fin­det sich auf An­hieb auch nie­mand, der die Be­zeich­nun­gen „Pra­ger Früh­ling“, „Sin­gen­de Re­vo­lu­ti­on“, „Tul­pen­re­vo­lu­ti­on“ und „Nel­ken­re­vo­lu­ti­on“ als zu eu­phe­mis­tisch kri­ti­siert. Bei der ge­or­gi­schen Ro­sen­re­vo­lu­ti­on ge­nüg­te ein wun­der­schö­ner Satz, ihr den Namen zu geben: „Wir wer­den Rosen statt Ku­geln auf un­se­re Fein­de wer­fen.“ Hat da­mals je­mand im SPD-Blog ge­schrie­ben: „Das ist keine Ro­sen-Re­vo­lu­ti­on“? Willy Brandt hätte zu Leb­zei­ten ta­ge­lang sein Zim­mer nicht ver­las­sen, und das völ­lig zu recht.

Die­ser Bei­trag er­schien zu­erst auf Carta und war nach Ab­ruf­zah­len Quar­tals­sie­ger.

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