Erstmal Vorweg

... ich bin Christoph Kappes, ich befasse mich seit 1993 beruflich mit dem Internet und nun schreibe ich darüber. Der digitale Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft fasziniert mich und als Jurist und Techniker, als Unternehmer und Mensch möchte ich gern analysieren und aufklären, diskutieren und vermitteln, beobachten und gestalten.

Hier ist alles im Fluss. Ich schreibe, wie ich denke. Klarheit ist das Ziel

Gartner Hype Cycle – Einordnung und Kritik

Vorab: Dieser Text ist eine aktualisierte Version eines Textes aus 2009, der nicht mehr zugänglich war.

Es ist wieder soweit, der Gartner Hype Cycle ist verkündet. Wie immer richten sich alle Augen auf das Diagramm, dessen Original abzubilden nicht erlaubt (http://blogs.gartner.com/hypecyclebook/2009/08/01/please-dont-copy-our-hype-cycles-for-free/#comments) ist, was im Internet aber durchweg (http://images.google.de/images?hl=de&q=hype+cycle) ignoriert wird. Also ignoriere ich es auch (dazu gleich mehr):

Gartner Hype Cycle 2015

Die alljährliche Diskussion

Und wie jedes Jahr seit 1995 wird diskutiert, ob dieser oder jener Kurvenpunkt an der richtigen Stelle ist oder einer fehlt. Auf Fundstellen in deutschen Blogs verzichte ich. (Ins Auge stach 2009 zum Beispiel „Micro-Blogging“, das Gartner erstens (u.a. aufgrund Spamaufkommen) schon kurz vor der Phase der Desillusionierung platzierte, obwohl die Nutzerzahlen stark stiegen. Und zweitens fragte nicht nur ich mich, ob der Knoten nicht richtigerweise der übergreifende Trend „Real Time Web Kommunikation“ sein müsste – und dann war er nämlich noch lange nicht im Downturn, wo ihn Gartner sah. Und es fehlen immer wieder wichtige Themen, zum Beispiel alles aus dem Bereich von Egovernment oder Datenjournalismus. Zu den Gründen gleich unten.)

Wieso kommt Gartner zu so fragwürdigen Ergebnissen? Zunächst zur Ehrenrettung von Gartner einige Erläuterungen, dann ein paar kritische Anmerkungen von mir.

Das Modell von Gartner

Es ist zu mehr als Unterhaltungszwecken nicht sinnvoll, über das Gartner-Diagramm zu diskutieren:

  1. Zunächst mal ist das, worauf alle Bezug nehmen, eine knappe PR-Mitteilung. Sie will uns nur Appetit machen auf die Studien, die wir kaufen können. Zu jedem Thema 30 bis 100 Seiten umfassende Studien für 500 bis 2.000 USD. Hier ist das „Fleisch“, über das man diskutieren müsste, es ist nicht die Mitteilung. Aktuell sind es ungefähr 120 Studien ( http://www.gartner.com/it/products/hc/hc.jsp), darunter auch solche, die nicht in der eingangs verbreiteten Grafik gezeigt werden – sie ist Werbung. Sie wird auch nicht ohne Grund im Sommerloch veröffentlicht.
  2. Weder bezieht sich Gartner auf das, was Sie und ich lesen oder hören, noch misst Gartner den „Hype“ empirisch. Sondern bis 2008 galt „Gartner analysts provide a subjective, peer-reviewed opinion“ und seit 2009 werden Menge und Stimmung von News gemessen sowie Finanzdaten und Research Datenindikatoren verwendet http://www.gartner.com/DisplayDocument?doc_cd=169391&ref=g_fromdoc. Zur Methodik sehr empfehlenswert dieser Link.
  3. Gartner wird nicht zur Unterhaltung oder Aufklärung der Internetcommunity tätig, sondern platziert die Methodik und die Studien als ein „Research Tool“ für Investitionsentscheidungen von Unternehmen. Es richtet sich in erster Linie an CIOs. Die Reifephasen (horizontale Achse) wurden gebildet, damit mehr oder weniger aggressive Unternehmen (drei Klassen A=aggressiv, B=moderat, C=konservativ) entscheiden können, wann und ob sie in einen Hype investieren. Diese Perspektive ist sehr wichtig! So wurde 2009 Micro-Blogging mit der Begründung im Reifegrad nach rechts gesetzt, weil viele Unternehmenssoftware-Lösungen Micro-Blogging als Bestandteil integrieren, sodass eine eigenständige Investitionsentscheidung aus CIO-Sicht an Bedeutung abnimmt. Aus dieser Perspektive geht also auch meine Kritik oben, die sie bestimmt nicht für falsch hielten ;-), am Thema vorbei. Trends allein sind nicht der Scope von Gartner.
  4. Die Messmethode ist für den Zweck entwickelt worden, vor dem Hype – und vor dem Gegenteil, dem Schlechtreden – zu warnen! (Instruktiv hier). Was gerade “Hype” ist, ist nicht empfehlenswerter “heisser Shyce”, es ist eher ein Warnsignal für Unternehmen – das hängt aber davon ab, wie konservativ bzw. ein Unternehmen ist (A-B-C-D-Unterscheidung).
  5. Der Hype-Cycle ist wesentlich differenzierter als er scheint, zum Beispiel hat Gartner erkannt, dass die Reife sich für unterschiedliche Branchen sehr unterschiedlich auswirken kann („Horse Tail“). Und er ist Teil eines Frameworks, wie Unternehmen mit Innovationen umgehen sollten. Mehr dazu hier

Kritik

Warum sehe ich diese Studien trotzdem kritisch?

  1. Veröffentlichungen von Beratungsunternehmen wie Gartner wirken auf den Hype selbst stark ein. Das ist ein methodisches Problem. Denn wenn alle CIOs Gartner-Analysen folgen würden, würde sich der Hype wie angekündigt entwickeln. Im Extremfall führen fehlerhafte positive Einschätzungen zunächst zu einer Verstärkung des Hypes und dann zu einem Kollaps mit Investitionsruinen.
  2. Gartner will das Modell für „Technologien“, „Methoden“ und „Architekturen“ anwenden. Das ist für grundlegende Themen wie SOAP oder OOP und RFID. Aber ich kann bei vielen Themen keine Kriterien erkennen, welche Granularität ein Thema haben soll, in welchem Verhältnis diese zueinander stehen und welchen Anteil Technologie hat. Sind etwa Blogs und Wikis wirklich eigenständige „Bubbles“ oder entweder ein grundlegender Trend zum Readwriteweb oder umgekehrt ein bisschen HTML-Generierung?
  3. Ich bezweifele, dass eine IT-Sicht allein richtig ist, um Investitionsentscheidungen zu treffen. Sind es nicht neue Anwendungsformen, neue Kommunikationsarten und neue Geschäftsmodelle, die Innovation treiben und zum Erfolg oder zum Scheitern führen?
  4. Die Idee, auf bereits existierende Technologieeinschätzungen aufzusetzen, ist nicht falsch. Aber ist – jedenfalls für Big Player – nicht die Frage: Wo sind wir selbst innovativ und treiben die Themen voran, statt auf fremde Züge aufzuspringen?
  5. Das Problem der IT-Strategie ist weniger, ob ein Trend sich durchsetzt und wann man ggf aufspringen sollte. Das Problem ist eher, für eine Vielzahl von Projekten die richtigen Vorgaben zu finden. Die Frage ist nämlich beispielsweise nicht, ob ein Enterprise Service Bus „an sich“ eine schicke Sache ist, sondern ob man ihn im konkreten Projekt wirklich braucht oder er in Bezug auf Kosten, Projektplanung und Performance nicht eher ein Hindernis zur Zielerreichung ist. Hier kann eine positive Aussage über die Adaption einer Technologie regelmäßig zu Fehlentwicklungen führen, weil strategischer Dogmatismus überhandnimmt.
  6. Aus Sicht eines Unternehmens ist die marktspezifische Wettbewerbsstrategie wichtiger als der generelle Trend. Vielleicht ist es angesichts des Wettbewerbs richtig, sich bewusst als Second Mover zu positionieren; vielleicht dient eine bestimmte Technologie aber auch der Absicherung und Weiterentwicklung bestehender USPs gegenüber Wettbewerbern? Und vielleicht gibt es keine A-B-C-Unternehmen, weil unter Berücksichtigung des Marktes für jede Technologie themenindividuelle Entscheidungen zu treffen sind?
  7. Der Hype Cycle ist ein Produkt der Medienwelt. Ohne Medien und Internet-Rauschen kein Hype. Unternehmen sollten in erster Linie nicht der veröffentlichten Meinung folgen, sondern sich eine eigene Meinung bilden, indem sie ihren Kunden und ihren Inhouse-Experten zuhören und danach ihren eigenen Weg im Bewusstsein der Risiken gehen. Unternehmerisches Risiko lässt sich begrenzen, aber nicht ausschließen, es ist ein immanentes Risiko. Man mag sich gar nicht vorstellen, wo wir heute stünden, wenn Konrad Zuse, Thomas Edison und James Watt das Wissen, dass Berater heute über die „Reife“ von Technologien haben, schon damals gehabt hätten.
  8. Schon der erste Cycle von 1995 zeigt ja schön, dass es auch für Unternehmen mit konservativer Strategie besser gewesen wäre, frühzeitig auf den Information Highway aufzuspringen und objektorientiert zu programmieren. Im Nachhinein sind also konservative Empfehlungen auch gern falsch.

Fazit: Das Hype Cycle Modell von Gartner ist ein schöner theoretischer Ansatz, aber Unternehmen kommen nicht umhin, für die „Hypes“ in Ihrem Markt und den Einsatz in ihrem Produktportfolio eine eigene Einschätzung zu finden.

The End of ebusiness 1999: E-business is set to fall into a period of disillusionment by 2001, before successful organizations move through the “hype cycle” and emerge fully transformed so that they can be referred to as just plain “businesses” again.

http://www.gartner.com/DisplayDocument?id=300952&ref=g_SiteLink

 

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