Christoph
Kappes

Erstmal Vorweg

... ich bin Christoph Kappes, ich befasse mich seit 1993 beruflich mit dem Internet und nun schreibe ich darüber. Der digitale Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft fasziniert mich – und als Jurist und Techniker, als Unternehmer und Mensch möchte ich gern analysieren und aufklären, diskutieren und vermitteln, beobachten und gestalten.

Hier ist alles im Fluss. Ich schreibe, wie ich denke. Klarheit ist das Ziel.

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4U9525 und Medien – Ein Einwurf aus dem Internet

Seit dem Absturz der Germanwings 4U9525 und der Berichterstattung über die Ursachen überlagert eine zweite Debatte das Thema. Journalisten selbst sind es, die über die Qualität der Berichterstattung diskutieren, und zwar zum Beispiel

Es kann kaum wundern, dass Medienqualität ein wichtiges Thema ist. Heribert Prantl schrieb etwas pathetisch, aber durchaus richtig (und das muss für alle Massenmedien gelten): „Zeitungen sind systemrelevant, und ich kann es beweisen. … Die „Süddeutsche Zeitung“ ist systemrelevant, die FAZ ist es, der „Spiegel“, die „Zeit“, die „Welt“, die „Frankfurter Rundschau“ und die „taz“ sind es. Viele andere sind es auch. Das System, für die sie alle relevant sind, heißt nicht Marktwirtschaft, … sondern Demokratie.“.

Ein ungewöhnliches Ausmaß an Kritik

Die Medienkritik ist in Volumen und Urteilsgrad außergewöhnlich. Aber hat es wirklich eine neue Qualität, wenn Nachnamen von Tätern genannt werden (auch wenn das Umdenken vom Opfer zum Täter als Person der Zeitgeschichte schwerfällt)? Ist die Belästigung von Angehörigen und Umfeld auf der Suche nach Information bei großen Unglücken (und dieses Wort schließt den Mord als Unglück ein) nicht eher die Regel als die Ausnahme? Sind BILD-Aufmacher nicht des Öfteren problematisch? Kann man Journalisten verübeln, wenn sie eine (meines Erachtens vorschnelle) Einschätzung der Staatsanwaltschaft als amtlichem Aufklärungs-Organ weitergeben, ohne diese Einschätzung einzuschränken? Vielleicht spricht man doch besser mit Experten als ohne sie, auch wenn es konkret nichts zu sagen gibt? Kann es nicht auch passieren, dass man zu Unrecht ein Foto veröffentlicht, das ein Zulieferer in Verkehr brachte? Kurzum: Die Vorwürfe gegen Massenmedien sind nachvollziehbar und wohl größtenteils berechtigt. Sie rechtfertigen aber nicht Ton und Ausmaß der Kritik. Auch die schlimmste Berichterstattung über ein Flugzeugunglück kann die Demokratie nicht gefährden. Es muss um etwas anderes gehen.

Wir brauchen konkrete Klärungen, weil wir Realität erleben

Helfen dem Publikum sachliche Erkenntnisse? Dass wir in der Moderne sisyphosartig immer neue Risiken erzeugen, mit denen wir selbst verursachten Altrisiken beikommen wollen (das neue Verschlussverfahren der Cockpittür ist Paradebeispiel eines „Lösungsproblems“, durch Problemlösung erzeugt), dass zweitens jedes System im „human factor“ den entscheidenden Ansatz zur Korrumpierbarkeit bietet (zumal gegen Vorsatz eines Kontrolleurs oder eines Kontrolleur-Kontrolleurs) und nämlich Entscheidungen immer das Risiko einer Fehlentscheidung über Dritte beinhalten, das die Betroffenen als von außen kommend erleben (Luhmann hier bei 33:05). Nein, solche abstrakten Erklärungen schaffen keine Klarheit. Wir haben „Nachrichten-Gier“, wie bereits einige Debattenteilnehmer zugestanden haben, wir können nicht anders als klicken. Weil es für uns als Publikum gar nicht darum geht, wie ein Unglück dieser Art passieren konnte, sondern nur darum, ex post aus der Schreckensmeldung des konkreten Falles eine sinnhafte Geschichte zu erzeugen, die verarbeitet werden kann. Abstraktion hilft nicht bei konkretem Unglück, und wenn doch, ist sie Religion. Diese Geschichte vom Unglück in den Alpen ist keine Fiktion; sie ist auch uns geschehen, obwohl wir nicht im Flugzeug saßen. Wir sind Beobachter, Zeuge und Teilnehmer eines realen Geschehens.  Mediale Vermittlung ändert nichts daran, dass es die Realität ist, die vermittelt wird, auch wenn es wie Fiktion auf einer Folie wirkt. Wir klicken, weil wir konkrete Klarheit wollen, und wir schämen wir uns, weil wir unsere Klicksituation vor dem Monitor von der Realität einer Grenzüberschreitung nicht auf Anhieb unterscheiden können.

Unser Erfahrungssystem will erfahren und Emotion auflösen

Mehr noch, gesprochen mit Seymor Epsteins Persönlichkeitstheorie ist neben unserem rational-analytischen Verarbeitungssystem das vorbewusste Erfahrungssystem am Werke, wenn wir ein Konzept unserer Umwelt aufbauen. Daher ist es weniger Voyeurismus und Laben an fremdem Unglück, wie viele meinen, sondern der Versuch einer Vergewisserung durch eigenes Sehen, eigenes Hören, eigenes Nacherleben und Erfahren. Wir wollen Bilder sehen, Recorder-Boxen zuhören und Original-Zitate lesen, damit wir das Ereignis und seine Abläufe nachvollziehen können. Dies geschieht durch Medien vermittelt und ist als Normalität bei jedem fiktiven Format wie Tatort montags auf Twitter zu beobachten, eine parasoziale Interaktion (Erklärung z.B. hier). Dies geschieht erst recht dann, wenn unsere Umweltkonzepte durch neue Information bedroht sind, so beim Verschwinden von Flugzeugen (MH 370) und auch in diesem Fall, denn es ist etwas eingetreten, was wir nicht für möglich hielten. Wir haben einen Ausnahmezustand, der weit über die Frage hinaus geht, warum das Flugzeug abstürzen konnte: Das geschichtlich seltene Ausmaß der Katastrophe wirkt verstärkend ebenso wie die Schwierigkeit, das Geschehen kategorial einzuordnen. Denn ist es Massenmord, Unglück oder Krankheitsfolge? Solange diese Einordnung offen bleibt, kann nicht in angemessene Emotion aufgelöst werden, von Wut und Verachtung bis Mitleid und Trauer und sogar Freude. Der Freude nämlich verschont worden zu sein, für die wir uns wieder schämen sollen, obwohl die Scham uns anerzogen und die Freude eine ganz natürliche und angemessene Reaktion ist, wenn wir zu den Toten keine Beziehung hatten und uns das Unglück selbst hätte treffen können. Solange diese Unklarheit besteht, finden Vereinfachungen, Ersatzhandlungen und Verschiebungen statt – etwa hat das Publikum den Schuldigen bereits gefunden, lässt die Wut an Medien ab oder verlangt Aufklärung, die nur der Staatsanwaltschaft zusteht.

Massenmedien reagieren mit neuen Modi, indem sie massiven Pull vorwegnehmen

In einem informationsökologischen Sinne entsteht so ein massiver Bedarf an Information, auf die das Mediensystem reagiert, pull statt push, es nimmt den pull vorweg, eilt ihm voraus. Es hat nicht nur Platz, es hat Ressourcen und Aussicht auf Gewinn – es besteht ja tatsächlich in jedem Moment die Chance, durch Handlungen eine Neuigkeit (Nachricht) zu gewinnen. Im günstigen, unvorhersehbaren Fall, ist das Geschehen schnell und eindeutig geklärt, im ungünstigen Fall reagiert das Mediensystem mit verschiedenen Kommunikationsmodi:

  • Das ist zum einen Leerdrehen, es werden Informationen ohne Neuigkeitswert umverpackt und wiederholt.
  • Da ist Ausschaben, jede Information wird mehrfach umgedreht und immer wieder in neuem Blickwinkel mit neuen Details angereichert (bereits in der causa Wulff gut zu beobachten).
  • Da ist Echo-Fangen, jeder wird befragt, vor allem Kaskaden von Politikern mit ihren stetigen Sorgenfalten und Kondolenznoten
  • Zugleich finden Verschiebungen statt: Gibt es nichts zur Sache, berichtet man über andere Berichterstatter und schafft so einen neuen Schauplatz für das Publikum, das nun selbst seine Emotion im Freud´schen Sinne auf den neuen Schauplatz verschieben kann.

All dieses Leerdrehen, Ausschaben und Echo-Fangen wird verursacht durch die Vorwegnahme eines pull des Publikums, dessen Wünsche erst seit Social Media beobachtet werden können.

Massenmedien können nicht Schweigen

Hinzukommt natürlich die Funktion der Medien, die viele Journalisten gar nicht zu sehen scheinen: Massenmedien wirken wie ein Transportmittel zwischen den vielen Segmenten, Molekülen und Atomen unserer ausdifferenzierten Gesellschaft. Sie können nicht Schweigen. Sie können nur Neues liefern. So wie Pumpen nur Pumpen sind, wenn sie pumpen. Das ist der Modus, für den sie geschaffen sind und auf den hin alle Ressourcen und Prozesse ausgerichtet sind. Schweigen kann ein Mensch, weil er trauert. Er ist es, der für sich die Entscheidung treffen muß, Massenmedien zum Schweigen zu bringen, indem er sie nicht konsumiert. Schweigen kann keine Gesamtheit von Massenmedien, auch deswegen, weil sie als solche gar nicht trauern kann – sie ist ganz und gar Funktion, auch wenn sie von Menschen erbracht wird. Massenmedien können auch schon deswegen nicht schweigen, weil die Kommunikation erst mit dem Leseakt zustandekommt, wenn der Sinn quasi im Leser ankommt – und sie vorher gar nicht wissen können, ob ihre Nachricht eine Nachricht ist. Und schließlich beschaffen sie Information ganz im Sinne einer Gesellschaft, die allerorten Transparenz von Staat und Unternehmen fordert und dem investigativen Journalismus huldigt – kein Wunder also, dass Massenmedien den Investigativmodus auch in diesem Fall wählen, es zeigt sich die Janusköpfigkeit von Täuschungsmanövern im Namen einer vermeintlich höherrangigen Sache.

Das Internet als ökonomischer Treiber

Wie könnten Massenmedien einem Aufklärungsbedürfnis Rechnung tragen, wenn es instantan kaum Fakten gibt? Eine „Null-Meldung“ befriedigt nicht den Wunsch nach Klarheit, sondern steigert ihn. In den festen Publikations- und Sendeterminen der Vor-Internetzeit konnte es zwar nicht Sonderdrucke, aber Sondersendungen geben, doch ist die Jetzt-Mentalität der Internetnutzer eine neue Dimension. Wenn Leser drei Mal täglich die Homepage ansurfen, soll dann dort die alte Meldung stehen? Also dreht man die Homepage systematisch um, um den Anschein von Bewegung und Aktualität zu erwecken – und man hat, das habe ich noch als Berater mit Softwaretools gemessen, dies an exponierter Stelle vor zehn Jahren schon getan. Seltsam, dass diese Methodiken von der Medienkritik nicht aufgegriffen werden. Information wird, wie in den großen Leak-Fällen, systematisch über Wochen dosiert, in anderen Fällen in mehrere kleinere chunks aufgeteilt. Was wir gerade beobachten, ist also keine plötzliche Veränderung, sondern ein schleichender Prozess, der lange schon begonnen hat, und der direkt mit dem Aufkommen und dem Wachstum der Online-Medien zusammenhängt, die bis heute unter starkem Erfolgsdruck stehen. Zugleich hat, wovon die Medienkritik nichts weiß, weil sie bei Journalismuskritik stecken bleibt, in den letzten Jahre eine massive Entkoppelung der Werbemärkte von den Werbeträgern durch Real Time Advertising (RTA) mit Demand Side Platforms (DSP) und Data Management Platforms (DMP) stattgefunden – der Kunde wird vermarktet, nicht das Inhaltsumfeld. In den Mobile-Märkten in den USA gibt es schon 60-70% Marktanteil, das Dreifache des deutschen Marktes, und dieser Faktor – zusammen mit immer mehr Traffic über Facebook – ist es auch, der die New York Times seit kurzem in die Hände von Facebook treibt. Das Inhalteprodukt hat nicht nur die Form, sondern mit mobile, seo und social seine Anwendung, Struktur und sein Umfeld gewandelt – it is the economy, stupid! Eine Medienkritik, welche Ökonomie nicht einschließt, kann genauso nach Hause gehen wie die Verleger, die sie wegen ihrer Internetunkenntnis angreift.

Das Internet als Echtzeit-Panel

Wer sich auf Twitter und Facebook aufhält und dabei Medienmenschen folgt, weiß sehr genau: Aus den Publikationsterminen der alten Zeit ist längst eine große Unterhaltung geworden, ein stream, bei dem erklärt, diskutiert und gestritten wird, den ganzen Tag. Zu dieser gegenseitigen Beobachtung unter Wettbewerbern kommt die Beobachtung des Publikums hinzu. Wo früher ein Mafo-Panel, eine Woche und ein paar tausend Euro nötig gewesen wären, beoabachtet man heute die Diskussionsverläufe bei anderen Anbietern, um so ein Gefühl für Relevanz und verfolgenswerte Inhalte zu entwickeln. Der moderne Journalist lauert auf Links und lauscht den Leuten. Aus einer losen Koppelung von Medien als Beobachtern und Publikum als Beobachteten ist längst ein einheitlicher Vorgang in Echtzeit geworden, der die Idee von Massenmedien ad absurdum führt: Manfred Medium und Petra Publikum sitzen in einem Raum und starren sich an – hebt der eine schweigend die Hand, tut der andere es auch. Das war mit Spiegelung nicht gemeint! Brauchen wir Methoden, diesen Regelkreis zu durchbrechen, die Interaktionen zu entkoppeln?

Internet als Motor der Kritik

Und es schiebt sich noch eine weitere Ebene hinzu. Sie erscheint als Kritik an der Berichterstattung, aber auch als Kritik an Kritik, Zusammenfassung von Kritik, neuer Kritik der Zusammenfassung und so weiter. Jeder Gedanke wird ausmäandert (Flugzeugzustand, Depression, Sehstörungen, Mehr-Frauen-Als-Piloten), der Strom ebbt nicht ab, teilt sich wie der Amazonas (Medienkritik, Kritik der Kritik, Besinnungsaufsätze aller Art), bis er sich ins Meer der großen Erschöpfung ergießt, wo er, zu Wolken verdichtet, am nächsten Morgen wieder frisch wie ein großer Regen auf das Land herniederregnet.
Es ist keine revolutionäre Erkenntnis: Das Buch hat Kritik erst wirklich möglich gemacht, aus dem Sokrates´schen-Livestream wurde ein Gedanke permanent verfügbar. Das Internet ermöglicht nun jedermann, jedermann zu kritisieren, mit null Ressourcen außer Zeitsekunden und wenigen Kalorien zur Fingerbewegung. Die aktiven Facebook-Nutzer kritisieren in ihrer freien Zeit, und sei sie nur fünf Minuten am Tag, was ihnen in den Stream kommt: Katzenfotos, Unfallmeldungen, Medienkritik, und 30 Millionen Facebook-Nutzer lesen das, und 3 Millionen reagieren usw.

Da finanzielle Ressourcen keine Hürde sind, kann dieser Kreislauf nur zur Ruhe kommen, wenn die Grenzen der Informationsverarbeitung aller Teilnehmer erreicht sind. Das ist das Überraschende: Facebook hat viel Kommunikation ermöglicht, doch hat es nur die Grenze des Verarbeitbaren im Gesamtsystem weiter herausgeschoben. Ein „Sinn-Verarbeitungs-Strang“ kommt erst zur Ruhe, wenn der nächste gegriffen wurde, bis er den ersten überlagert und verdrängt. Eine Lösung gibt es nicht, denn es ist kein Problem. Vielleicht aber sollten Medien künftig statt des Leerdrehens und anderer Reaktionen auf Pull noch spannendere Information bereithalten und sie so schnell wie möglich in den Kreislauf einspeisen, damit es für die Linkjonglierer neue Bälle gibt.

Kritik-Matsch macht Arbeit

Jeder stellt in Frage, jeder erlaubt sich Medienkritik. Kritik erschallt nicht nur aus dem seriösen Raum von Profi-(Fach-)Journalisten und Medienethikern beispielsweise, sondern auch von den Pegidas und Ken-Jebsen-Fans, bis am Ende alle munter meinen. Das Schweigen, was manche von Medien fordern, leistet gerade das Publikum nicht. Es war leichter für Massenmedien zu schweigen, bevor das Publikum durch Social Media nicht mehr schweigen musste.

Da jeder auf alles sieht, verwischen die Sphären. Die Folge sind eine Vielzahl von begrifflichen und konzeptionellen Verwirrungen, da alle Teilnehmer mit unterschiedlichen Voraussetzungen, Kenntnissen und Perspektiven operieren. So wird Kommunikation im positiven Sinne einer erfolgreichen Sinnvermittlung immer unwahrscheinlicher. Aus Struktur der alten Massenmedien wird Chaos (im wertfreien Sinne), das wir wieder sinnhaft ordnen müssen – der Aufwand in Menge und Zeit steigt, um alles wieder zu verräumen. Die Tatsache, dass Interessengruppen munter mitmischen (hier: Lufthansa, Germanwings, Airbus, Verlage, Redaktionen, Politiker, Medienkritik-Medien, Journalismus-Verbände), erhöht den Aufwand und senkt die Chance, zu einer subjektiv befriedigenden Klärung zu kommen. Irgendwas ist ja immer richtig, weckt Zweifel und führt zu Klärungsversuchen.

Öffentlichkeit zerfällt, ohne Adresse

Während die Welt vor Jahrzehnten noch „in Ordnung“ war, ist mit dem Internet Unordnung eingetreten. Diskussionen von Diskutanten-Tropfen mit verschiedensten Zielen, Begriffen und Perspektiven verlaufen im Nichts oder verdichten sich selten im 18-7-Modus zu großen kakophonischen Wellen, auf denen bärtige Hipster reiten.  Doch die zusätzlich notwendige Kommunikationsarbeit wird erschwert dadurch, dass die Kritik keine Adresse hat. An wen richtet sich Kritik genau, seit es Monarchen nicht mehr gibt und auch Politiker nur die “Spitze von Systemen” sind? Wir schreiben ins Nichts in der Erwartung von Öffentlichkeit oder lassen den Ärger an exponierten Personen ab, an denen er glänzend abperlt.

Als früher Werner Höfer seinen festen Platz in der Familie hatte, war klar, wer sprechen und wer zuschauen durfte. Wo früher Leitartikler (alle weiß, männlich, 50+) „wir müssen“, „wir brauchen“ und ähnlich predigthafte Plattitüden von sich gaben, richtet nun Maxi Mustermann ihr „wir brauchen“ an eine Öffentlichkeit, die latent unendlich groß ist, faktisch jedoch die Menge Null hat. Es wirkt manchmal sehr unbeholfen und ich schwanke, ob ich sie in den Arm nehmen oder einfach nur „Wie meinst Du das?“ oder „Ich stimme Dir zu“ kommentieren soll. Besorgniserregend ist dabei, dass viele Menschen versuchen, die Formen und Formate von Massenmedien zu imitieren oder gar in noch ältere Formen von Klagen, Gebeten und Predigten zurückfallen, ohne es zu merken.

Wir stehen noch am Anfang bei dem Versuch zu begreifen, wie die neuen Netzstrukturen Meinung bilden können und vor allem Sinn und Klarheit bringen, wenn es nicht klar abgegrenzte und moderierte Communities sind. Als jemand, der täglich im Netz Kommunikation beobachtet, habe ich aber den Eindruck, dass Menschen mit jedem failure lernen, jetzt beispielsweise wieder einmal, wo die ethischen Grenzen von Medienhandeln liegen. Auch Medienakteure lernen, Schritt für Schritt. Es geht insgesamt ein (Auf-) Klärungsprozess vonstatten. Die aktuelle Debatte und vor allem das Einbeziehen von Laien – wenn auch mit leichten Kollateralschäden – ist nicht besorgniserregend, sondern ermutigend. Ich vermute, mit mehr Übersicht durch neue Aggregationsformate (Wo im Web wird was diskutiert?) und neuen vorstrukturierten Debattenformaten, Anlaufstellen für Factchecking und systematischen Argumentstrukturierungshilfen wäre viel geholfen. Will man dagegen die Prozesse von Massenmedien ethisch verbessern, muss man wirtschaftlich und organisatorisch vorgehen, falls überhaupt irgendetwas helfen kann. Was nicht hilft, sind Klagen, Gebete und Predigten, auch nicht von Profis.

Alle

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