Christoph
Kappes

Erstmal Vorweg

... ich bin Christoph Kappes, ich befasse mich seit 1993 beruflich mit dem Internet und nun schreibe ich darüber. Der digitale Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft fasziniert mich – und als Jurist und Techniker, als Unternehmer und Mensch möchte ich gern analysieren und aufklären, diskutieren und vermitteln, beobachten und gestalten.

Hier ist alles im Fluss. Ich schreibe, wie ich denke. Klarheit ist das Ziel.

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Geworfen 3: Hallo Google (Juliensblog)

tl;wnr (too long; will not read): Wie sollen Online-Dienste mit sog. Hassrede umgehen, am Beispiel eines antisemitischen Postings eines Youtubers mit Millionenreichweite? Eine Frage der Unternehmensethik.

Viele Menschen und Medien schreiben die letzten 24 Stunden über das letzte Video des Youtube-Stars Julien (ich verlinke es hier nicht, aber ein Infoquelle ist zum Beispiel hier).

Ich bin selbst der erste, der provokante Äußerungen mit Unkenntnis, Dummheit und emotionaler Fehlhaltung zu erklären versucht. Ich bin der Ansicht, dass man Menschen nicht für Dummheit bestrafen sollte, denn sie haben meistens keine Wahl in dieser Hinsicht. Es hat auch nicht jeder das Werkzeug entwickeln können, Situationen sozial zu bewerten. Und ich glaube, man sollte nicht jede Äußerung als Sachaussage nehmen, sondern ihren Ironiegehalt wahrnehmen, sie als Kunstform auffassen und so weiter: im Zweifel immer für die Meinungsfreiheit, auch für Dummheiten. Und ich glaube, es muss nicht alles sanktioniert werden, was moralisch nicht okay ist, dafür haben wir nämlich das Strafrecht als ultima ratio. Für mich ist der Mensch fehlbar, das macht ihn aus, daher nehme ich Entgleisungen bis zu meiner Schmerzgrenze wie Unfälle hin, aus denen Menschen früher oder später lernen werden. Vielleicht lernen wir in ferner Zeit auch, dass gar nicht Meinung ist, was aus wirtschaftlichen Motiven gesagt wird, weil es gar keinen Gültigkeitsanspruch hat, sondern ihn nur vorgibt zu haben. Julien interessieren weder Lokführer noch alle anderen Beteiligten, er ist seine eigene Marionette, die er zum Geldverdienen spielt.

Ich bin auch der Ansicht, dass sich eine Gesellschaft keinen Gefallen damit tut, von Privatunternehmen Eingriffe in Handlungen aller Art zu fordern. Ihr, Google, könnt in nicht-diskriminierender, inhaltsneutraler Weise Euer „Hausrecht“ wahrnehmen, nach Eurem Ermessen. Aber eine Gesellschaft sollte das nicht von Euch ohne Rechtsgrundlage fordern, weil sie so hoheitliche Aufgaben auf Private umwälzt, ohne dabei das zu erreichen, was der Rechtsstaat erreicht. Erstens: Es wären im Rechtsstaat verlässliche Regeln, die für alle gelten, so aber würden sie bei jedem Anbieter anders gelten. Zweitens: Gegen staatliche Eingriffe kann man sich immer wehren, Rechtsmittel gibt es fast immer – und wo man sich nicht wehren kann (unmittelbarer Zwang), kann man wenigstens hinterher feststellen lassen, dass das handelnde Staatsorgan im Unrecht handelte. Drittens: Über die Grenze sollten nicht diejenigen bestimmen, die die lautesten sind. Vielmehr bedarf es einer demokratisch legitimierten Entscheidung. Ergo: eine vom Grundgedanken her hoheitliche Aufgabe auf Private umzulasten (weil dem Gemeinwohl dienend, vgl. die Herkunft des Begriffes Polizei), ist keine gute Idee. Ich wünschte mir, die vielen Menschen, die immer wieder von Online-Plattformen ein Vorgehen gegen „Hater“ fordern, wären sich darüber im Klaren, dass sie hier einen Rückschritt in der Zivilisation fordern. Denn auch das gern so genannte “Hausrecht” ist das Recht des Stärkeren, der nämlich diese Ressourcen besitzt und hieraus seine Rechte ableitet. Vielleicht kann man den umgekehrten Standpunkt auch vertreten: Es braucht weniger starken Staat, wenn kleinste soziale Einheiten ihren Frieden selbständig finden, Nachbarn, Kneipenwirte, Turnvereine. Aber Google ist kein Kneipenwirt, sondern wohl dasjenige Unternehmen, dass weltweit gleich nach Facebook die meisten zwischenmenschlichen Interaktionen vermittelt. Eine einheitliche, weltweite Regelung von Google und Facebook, der dann noch Vkontakte und Sina Weibo und Renren beitreten, entspräche einer fast welt-polizeylichen Regelung für den digitalen Raum.

Dieser Fall aber von Julien und seiner unsäglichen Vergasungs-Aufforderung, liegt in zweierlei Hinsicht anders als andere Fälle von Entgleisungen in Social Media:

Erstens verdient er damit viel Geld, weil er mit solchen Stunts Aufmerksamkeit bündelt, die er bei Euch vermarktet bekommt. Er handelt also mit voller Absicht und mit wirtschaftlichem Ziel. Nun ist auch das leider nichts ungewöhnliches. Die Welt ist voll von Stars und Celebs, die vor allem dadurch auffallen, dass sie aufgefallen sind, und die sodann von Unternehmen vermarktet werden, bis sie nicht mehr auffallen. Ich würde das Handeln solcher Unternehmen und Celebs nicht verbieten, aber ich bitte mir auch nicht zu verübeln, dass ich diese Marken nicht schätze. (Und: Denkt an Euren Markenwert und den Wert Eurer Plattform als Werbeumfeld.)

Zweitens: dass Ihr selbst daran verdient, das finde ich in diesem Fall nicht in Ordnung. Ihr vermarktet antisemitischen Dreck (und dem Hörensagen nach noch Dreck mit anderen Attributen), unterstützt die Dreckschleuder mit einer Umsatzauskehrung und steckt Euch Eure Marge in die eigene Tasche. Dieser Mensch, von dem niemand weiß, wann er seine 1,2 Millionen Youtube-Fans wie die Kettenhunde loslässt, kann sich aber im Internet ohne jeden Aufwand seine eigene Bühne schaffen. Er braucht spätestens jetzt keine Netzwerkeffekte von Digitalplattformen mehr. Und Ihr braucht dieses Geld nicht, es stinkt.

Sorgt bitte dafür, dass er auf Eurer Plattform verschwindet. Das ist also weniger eine rechtliche Frage als – bezogen auf Euer eigenes Handeln und Eure eigene Wertschöpfung – eine Frage der Unternehmensethik.

I.G. Farben-Plex, Frankfurt
I.G. Farben-Plex, Frankfurt (GFDL, Wikimedia)

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