Erstmal Vorweg

... ich bin Christoph Kappes, ich befasse mich seit 1993 beruflich mit dem Internet und nun schreibe ich darüber. Der digitale Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft fasziniert mich und als Jurist und Techniker, als Unternehmer und Mensch möchte ich gern analysieren und aufklären, diskutieren und vermitteln, beobachten und gestalten.

Hier ist alles im Fluss. Ich schreibe, wie ich denke. Klarheit ist das Ziel

Über das Gründegeben

Inzwischen sickern erste Gründe durch, warum Holger Steltzner als F.A.Z.-Herausgeber gehen musste. Wer die Struktur und die Tradition der F.A.Z. kennt, der weiss, dass dies kein normales Ende einer Karrierestation ist. Daher gibt es auch schon die ersten Gerüchte aus der AfD-Ecke, Steltzner habe wegen seines harten Euro- und Merkel-kritischen Kurses gehen müssen. Das kann ich mir nicht vorstellen.

Ich kann zu dieser Geschichte eine ganz kleine Fussnote beitragen. Ich habe zwei Jahre für die F.A.Z. Texte zu Digitalthemen geschrieben, unregelmässig knapp zehn Texte, bis mir eines Tages der für mich zuständige Redakteur mitteilte, er dürfe keine Texte mehr von mir annehmen. Ich war sehr überrascht, denn ich hatte bisher nur Lob gehört, und fragte nach Gründen. Die Antwort war, es seien keine Gründe benannt worden, er habe mir nur eine Entscheidung mitzuteilen, die er bedauere, mit einem seufzenden „So ist das hier“ – und mit „hier“ meinte er das Buch Wirtschaft (bei der F.A.Z. sagt man noch „Buch“ statt Ressort, was ich so lieb gewonnen habe wie den „Bleistifttermin“, den ich selbst in die digitale Welt zu retten versuche).

Für mich war die Zurückweisung eine gewisse Kränkung. Zum Ersten habe ich gern geschrieben, aber es hat mich auch einiges an Kraft gekostet, denn ich muss das in meinen beruflichen Ablauf einordnen – und zum Zweiten, wenn nicht Ersten – schätze ich das Niveau der meisten Autoren dort sehr, ungeachtet ihrer politischen Haltung. Es war aber auch ein bisschen eine Projektion von „Schreiber-Olymp“, weil mein verstorbener Stiefvater als Historiker und Germanist selbst ein akademischer Voll-Nerd war, und er, fiel die postalische Zustellung seiner Zeitung einmal aus, an diesem Tag nicht ansprechbar war. So war diese Zeitung auch sein Haupt-Input-Kanal und prägte seine Meinung sehr, was ich wiederum in meiner Jugend zum Anlass nehmen durfte, an so manchem Abend mit den örtlichen Honoratioren des Kulturvereins und der Zahnärzte vom Rotary Club mich an diesen guten Argumenten bei zuckersüssem deutschen Wein in Kristallgläsern halböffentlich abzuarbeiten. Eine bessere Schule des Diskurses konnte es für einen Schüler gar nicht geben. Seitdem verbindet mich eine Art Hassliebe mit der F.A.Z. – ich hätte gern mehr davon, aber sie darf gern auch noch besser werden.*

Ich habe einige Monate diese Zurückweisung zu ignorieren versucht, aber dann beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Von der Stelle, die schweigt, eine Erklärung zu verlangen, war schwierig, ohne zugleich versehentlich den Redakteur zu beschädigen – manche Menschen nehmen Menschen einfach in Haftung für das Handeln anderer Menschen, weil sie es so wollen. Mein Glück war, dass ich fast ein Jahr lang die Herausgeber bei Digitalfragen beriet und auch einige Jahre für den Digitalbereich an Konzepten arbeitete. Mit diesem Umfeldvorteil besuchte ich also Frank Schirrmacher und sprach mit ihm. Er schwor, dass er damit nichts zu tun habe, meine Texte seien gegebenenfalls im Feuilleton willkommen. Aber ich war wie blockiert, die „Sache“ musste für mich erst aus der Welt. Aber auch ein Gespräch mit Günter Nonnenmacher ergab, dass er damit nichts zu tun hatte, im Gegenteil auch hier Freundlichkeit.

Ich habe bis heute keinen Beweis in der Hand, aber jeder im Haus fragt mich leise: „Haben Sie Steltzner kritisiert?“ Ja, das habe ich, in der Herausgeberkonferenz für den Umgang mit Leitartikeln durch den Digitalbereich, der damals organisatorisch bei Steltzner lag, aber auch insgesamt für den (damals!) nicht zeitgemäßen Auftritt, den vor allem Blumencron dann gut voranbrachte.

Ich glaube also nicht, um es mal so zu formulieren, dass die F.A.Z. mit der neuesten Personal-Nachricht einen herben Verlust zu vermelden hat. Im Gegenteil, vielleicht ist in der Haltung, man könne unter intelligenten Menschen kommentarlos die Zusammenarbeit einstellen, ein Beispiel für eine radikalliberale Haltung, die nicht sozialadäquat ist: Einen Grund für sein eigenes Handeln ist man niemandem schuldig. Ich vermute, dass Holger Steltzner daher auch gar kein Gefühl für den Schaden hat, den er mit so einem Führungsstil in seinem Umfeld anrichtet, wahrscheinlich hat er noch die passende Theorie von seiner Privatautonomie und Vertragsfreiheit. Unter Menschen allerdings, die wie mein Vater im Geistigen zuhause sind, gilt Begründungen zu geben als Selbstverständlichkeit. Die halbe Philosophie befasst sich mit Gründegeben – welche Gründe haben wir für unsere Thesen, welche sind zulässig und welche nicht? Mehr noch: wer an Öffentlichkeit teilnimmt, muss Gründe geben. Man muss kein Habermas-Fan sein, um dies für den wesentlichen Vorgang zu halten, mit denen sich Menschen die Richtigkeit ihrer Auffassung versichern. An „Wahrheit“ im objektiven Sinne ist schwer zu glauben, sie wird sozial verhandelt. Diese Art von Sozialität hätte ich mir von Holger Steltzner gewünscht.

* Nämlich pluralistischer, diverser, transparenter und selbstkritischer. Und eine Frau als Herausgeberin, das wäre doch mal was. Und bitte keine Kampagnen-Texte mehr in Sachen Urheberrecht, die einfachsten Argumentationsregeln nicht genügen, indem sie Strohmänner aufbauen – Wikipedia hat nicht „Objektivität“ zum Ziel – oder maßlos übertreiben, denn sie hat auch ab heute nicht „die Glaubwürdigkeit eingebüßt“. Aber es gibt ja immer etwas zu kritisieren und solange ich hier keine Gründe gebe, erwarte ich auch nicht, dass jemand mehr als zufällig meiner Meinung folgt.

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