28.03.2013

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Ökonomie des Internets

Was macht das Internet mit der Ökonomie? Was bleibt, was findet anders statt als früher?

Diese Fragen habe ich in einem Vortrag bei 13. Gautinger Internettreffen zu beantworten versucht.

Ökonomie des Internets from Christoph Kappes

Präsentation als pdf auch hier.

Der Vortrag soll einen breiten Überblick geben, von

  • den Grundprinzipien (Was ist Ökonomie im Kern und an welchen Elementen spielt das Internet eine Rolle)
  • über BWL-Standards (Verkürzung von Wertketten, Wegfall von Vermittlern, Entstehen neuer Vermittler, mehrseitige Plattformen)
  • bis hin zu Trendfragen, etwa wie sich das Internet auf Dienstleister auswirkt und was es mit Sharing und Commons auf sich hat.
  • Zum Schluss geht es dann um größere Fragen, nämlich die Ökonomisierung des Sozialen und die Sozialisierung des Ökonomischen.

Wichtig war mir eine Ordnung des Themas, denn bei meiner Web-Recherche habe ich wenig gefunden, was einen Überblick ermöglicht. Ich wünsche viel Spass und Erkenntnis beim Lesen. Es ist leider, weil es ein Vortrag ist, nicht jede Folie aus sich heraus verständlich. Dafür bitte ich um Nachsicht.

Anmerkung zum ersten Teil:
Beim Nachdenken über die Prinzipien von Ökonomie wird klar, dass Ökonomie von vielen Menschen zu eng gesehen wird. Bei einem weiten Begriff sind alle Tauschverhältnisse betroffen, und zwar auch solche ohne Geld und ohne physisches Gut – ökonomisches Handeln besteht einfach nur aus Interaktionen zwischen Menschen, die auf gegenseitiger Verbindlichkeit beruhen (Gabe, Gegengabe) und von denen sich Menschen subjektiv (bewusst oder unbewusst) Nutzen versprechen (dabei kommt es auch nicht darauf an, ob das Ziel rational begründet ist). Wenn man so weit geht, sieht man schnell, dass ein soziales Netzwerk wie Facebook eine zentrale Rolle spielt, weil Menschen auf diese Weise interagieren. Wer kennt es nicht, dass Likes und „Gegen“-Likes häufig als reziprok/gegenseitig gesehen werden? Solche Gegenseitigkeitserwartungen begegnen auch im Commons-Bereich und der Peer-To-Peer-Community – „Leecher“ sind unerwünscht, soziale Achtung setzt Geben mehr denn Nehmen voraus.
Damit sind wir bei den Fragen des letzten Teils, nämlich der Ökonomisierung des Sozialen. Ich sehe diesen Effekt, halte aber die Prämisse für falsch, hier „die Ökonomie“ und dort „den Menschen“ als voneinander getrennt zu betrachten. Für mich ist Ökonomie ein Prinzip, nach dem Menschen handeln und daher von der Beziehungsebene und der Nutzenebene gar nicht zu trennen. Eine Dichotomie, wie sie häufig zu lesen ist und die wohl auch Frank Schirrmacher in Ego vornimmt (ich habe das Buch noch auf der Leseliste), halte ich für fragwürdig. Soziale Beziehungen sind im Kern nutzenorientiert: Das Kind, das versorgt werden will, die Sportsfreunde, die sich Spielpartner sind, die Blogger, die sich gegenseitig Achtung verschaffen, die Partnerschaft (bis dass der Tod scheidet!) gegen die Angst des Alleinseins. Man darf diese Nutzenorientierung nicht abwerten, sie gehört zu jedem Lebewesen (-> autopoietischen System) und sie ist die Gegenkraft zur Autonomie, weil sie soziale Bindung erzeugt. Und dass wir auf unser Geben von anderen Dank und Achtung bekommen, ist eben auch Ausdruck dessen. Leider fördert das Internet persönliche Beziehungen nicht nur, indem es als Raum für soziale Interaktion dient; es wirkt durch Entpersönlichung von Beziehungen solcher Bindung auch entgegen. Ich glaube, das ist kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-Auch. Interessant ist, dass es auch den umgekehrten Weg gibt: durch moralisch motivierte sog. „Shitstorms“ (lieber spreche ich von massenhafter, emotionaler Kritik) wird soziales Handeln in das ökonomische System transformiert: nichts anderes tun Unternehmen, wenn sie mit Social Media Monitoring Kritik aus dem Publikum erfassen und über Performance-Indikatoren in ihr eigenes Geschäftsmodell internalisieren.

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