13.06.2015

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Geworfen 4: Sieben Sünden der Internetgesellschaft

  1. Texte ohne Fragen
  2. Kritik ohne Distanz
  3. Konsum ohne Kreativität
  4. Wissen ohne Handeln
  5. Lachen ohne Freude
  6. Raum ohne Armut
  7. Leben ohne Tod

 

Ein Versuch nach Gandhi „Seven Social Sins“ https://en.wikipedia.org/wiki/Seven_Social_Sins

Yo.

M.G.

Danke an die ZEIT für die Inspiration. Vgl. natürlich auch Todsünden.

Eigene Kandidaten gern nach unten.

ts;tnn (too short, tl;dr not necessary)

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9 Komentare zu
“Geworfen 4: Sieben Sünden der Internetgesellschaft”

  1. Fritz Iv sagt:

    Im und durch das Internet dokumentiert sich die Menschheit so umfassend wie nie zuvor, und für jedermann wiederum sichtbar. Die Liste der nicht so guten Eigenschaften ließe sich daher – klar – um Hochmut, Geiz, (Daten-)Gefräßigkeit, Selbstsucht und alles weitere verlängern, was es so gibt. Desto erstaunlich dann aber, dass diese scheinbar durch und durch psychisch zerrüttete und moralisch verrottete Menschheit dann doch nicht nur das sind, sondern sich im und durch das Netz auch allerhand Tugenden und gute Gefühle austoben. Das Netz ist eben auch der größte Ghandi, den wir je hatten. Was für Monsterwellen der Anteilnahme da machmal um die Welt schwappen. Welche Leidenschaft für Wahrheitssuche. Wenn ich überlege, welche nicht so gute Eigenschaft möglicherweise das positive Funktionieren der Vernetzung am meisten stört … nicht einfach. Vielleicht die Ungeduld? Das Übelwollen? Dass es im Netz so wenig Verzeihen gibt wie vor einem amerikanischen Gericht? Das Laster der Faulheit? Die Vorwürfemacherei?

  2. sind das jetzt _individuelle_sünden, d.h. also der imperativ richtet sich an jede/n einzelne/n?

    oder ist es eher so, dass der imperativ lautet: sei teil von gruppen, teams, bubbles, kulturen, die auf ganzheitlichkeit in diesem sinn zielen? so dass jede/r von anderen mitprofitiert? im übrigen auch jeweils umgekehrt?

    also:
    ich bin text-spezialist, andere stellen fragen.
    ich kritisiere, andere stellen distanz her.
    ich konsumiere, andere sind kreativ. (zusammen: popkultur)
    ich wisse (= tätigkeit), andere handeln.

    dann wird es schwieriger.

    Raum ohne Armut: d.h. ich stelle mir einen lebens- und wahrnehmungsraum vor, in dem armut nicht erscheint. also nie das zurückgeworfensein auf die prekäre existenz.
    [ist armut in der „Internetgesellschaft“ schlechter sichtbar als vorher?]

    geht es da nicht überhaupt um Sichtbarkeit des Unangenehmen, Quälenden, Widersprüchlichen? (also auch: Mord, Kindsmissbrauch, Flüchtlingsschicksale?)
    der besondere imperativ der internetgesellschaft ist sicherlich: schotte dich nicht künstlich davon ab. weil der default hier ja die #nähe von all dem ist. der horror, die perspektive des verzweifelten ist ja tatsächlich nur einen klick weit weg. also sehr viel näher, als wenn ich einen bettler auf der straße sehe.

    Lachen ohne Freude: lachen ist alles mögliche, freudiges lachen ist ein sonderfall. vielleicht: lache auf alle möglichen arten. und wiederum: habe kontakt mit leuten, die auf andere weise lachen. [auch eine funktion von twitter, btw.]

    Leben ohne Tod: das gilt schon auch für die #Internetgesellschaft, klar. aber anders als zuvor? und es gibt ja sehr viele arten, mit dem tod in berührung zu kommen. was ist also die besonderheit von „tod“ (und „leben“, wo wir schon dabei sind) unter den bedingungen der internetgesellschaft?

  3. Christoph Kappes sagt:

    Ad Fritz, Martin:
    Auf die Ebene von Internetkritik im positiven wie negativen Sinne wollte ich gar nicht hinaus.
    Ich habe versucht, ganz schnell und assoziativ sieben Eigenschaften für eine Gesellschaft zu finden, die ich fahrlässigerweise „Internetgesellschaft“ nenne, was so kritisierenswert wie ihre Vorläufer der „Industriegesellschaft“, „Wissensgesellschaft“, „Wohlstandsgesellschaft“, „Risikogesellschaft“ ist.
    Die Form des Textes war für mich entscheidend: Jeder einzelne Begriff der sieben Begriffspaare ist so ohne Kontext und Definition natürlich höchst vage, vielleicht auch unbrauchbar für eine _gemeinsame_, saubere Diskussion. Form und Formulierungen lassen viele Deutungen zu, die im Unterschied zu ausdefinierten Begriffen aber jeder für sich selbst wirken lassen kann. Vielleicht kommt so aber eher Diskussion zustande als durch einen Merge von 15 Habilschriften zu jedem Begriff? Eure Antworten führen ja schon sehr inspirierend weiter.
    Wenn ich zum Beispiel geschrieben habe „Texte ohne Fragen“, dann wollte ich damit ursprünglich sagen, dass in Massenmedien die Modi von Kritik und Meinung überwiegen, nicht aber der Wunsch, beim Leser einen Denkprozess auf eigene Gefahr anzustossen. Es ist der Versuch, Inhalt zu erzeugen in der Hoffnung, der Leser möge in sich das tldr hineinkopieren. Schon beim Schreiben merkte ich aber: Eigentlich böte das Internet diese Chance, vielleicht ist sie noch nicht ausreichend entdeckt, weil Massenmedien in Verkündungsritualen verhaftet sind, als wären sie Transportbänder. So gesehen ist der Satz „Texte ohne Fragen“ nur eine Feststellung. Ob er ein Hinweis auf einen Web-Fehler oder ein Hinweis auf eine Chance ist, darüber kann man nachdenken. Vielleicht ist es aber auch so, dass diese geschlossenen Texte zunehmen, weil sie Kritik mehr ausgesetzt sind als es Print-Texte waren?
    Wie überhaupt diese Liste oben ja eine Verbindung zwischen sehr historischen Formaten und modernen heftig-Listicles herstellt, hier wird also auch mit der Form gespielt.
    Ich sehe diesen Text als Kratzbaum, an dem sich jeder seine Krallen schärfen kann. (Dies auch, weil das Verständnis von Texten als Versuche zum „Angucken“ und Nachwirkenlassen für meinen Geschmack viel zu sehr abgenommen hat. Ich denke an den Werft-Die-Handies-Text von Enzensberger in der FAZ, den viele Leser der Netzgemeinde leider wörtlich genommen haben.)
    Also: Kratzbaum, thought aloud. Have fun.

  4. Felipe Gonzo sagt:

    Kann mir unter allen Punkten etwas vorstellen. 6-7 fallen etwas aus der Kritik an unserem kommunikativen Handeln heraus, finde ich. Das sind eher Forderungen nach konkreten Themen, die in unseren Selbstäußerungen selten stattfinden oder etwas von einem Tabu haben. Sie sind imho kein Merkmal des „Internets“, sondern auch ohne dieses immer schon da. Über die eigene Armut oder den Tod spricht man auch in anderen Kontexten nicht oft. Natürlich lassen sich auch die anderen Punkte außerhalb wiederfinden. Diese Aspekte umschreiben trotzdem gut unsere derzeitige Kommunikationskultur im Netz und dies zu recht kritisch. Danke für die Inspiration.

  5. Pingback: 24 KW 2015
  6. Thomas Kallweit sagt:

    Danke sehr für die Versuchs-Anordnung!

    1 und 2 -> auf jeden Fall!

    3 -> wirft auch die große Frage auf was man heute unter Kreativität fassen kann. Sind Netz-Emissionen Kunst, können sie es sein? Unbestritten, dass die meisten Einwürfe sekundärer Natur sein mögen – frei nach Jaron Lanier…

    4 -> als Dokumentation dessen, ja (weil dieses Handeln wenn denn nicht abgebildet wäre – ausser der LiveStream als Doku wäre der Beweis :)!

    5 -> nur Häme? Ich denke, mehr als das. Die Freude wird empfunden, nur Smileys reichen jedoch nicht, wirken billig/unzureichend

    6 -> nur nicht die körperliche, reallife-mäßige, ansonsten: naja

    7 -> ständig upgedatete Vergangenheit, wo das Ende nicht bekannt gegeben wird

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