02.08.2010

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Ver­gißt das In­ter­net wirk­lich nichts? (Carta)

Die häu­fig zu le­sen­de These „Das In­ter­net ver­gisst nichts“ gilt nur ein­ge­schränkt. Sie mag für eine Be­trach­tungs­dau­er von we­ni­gen Jah­ren und bei den “Big Play­ern” rich­tig sein, lang­fris­tig ver­schwin­den je­doch mehr und mehr In­hal­te aus dem Netz.

Ich hatte wohl Ende 1993 erst­mals mit dem In­ter­net Be­rüh­rung. Über die These „Das In­ter­net ver­gisst nichts“ habe ich erst vor einem Salon der In­itia­ti­ve I-15 unter dem Motto „Er­in­nern und Ver­ges­sen in Zei­ten des In­ter­net“ nach­ge­dacht. Mehr und mehr fiel mir auf, dass die These nicht ganz rich­tig ist. Ob sie als po­li­tisch mo­ti­vier­te Äu­ße­rung oder als Warn­hin­weis ge­eig­net und sinn­voll ist, soll hier nicht Ge­gen­stand sein.

Es ver­schwin­den In­ter­net­an­ge­bo­te aller Gat­tun­gen, denn auch das In­ter­ne­t­ar­chiv “Way­Back­Ma­chi­ne” spei­chert nur Aus­zü­ge. Mit ihnen ver­schwin­den die Nut­zer­bei­trä­ge in die­sen An­ge­bo­ten. Und es ver­schwin­den Nut­zer­bei­trä­ge aus an­de­ren Grün­den. In den letz­ten Jah­ren gibt es al­ler­dings Ten­den­zen, die zu einem „Al­les-ist-über­all“-Ef­fekt füh­ren und so dem Ver­schwin­den mög­li­cher­wei­se ent­ge­gen­wir­ken.

Ver­schwin­den­de An­ge­bo­te und In­hal­te

  • Es ver­schwin­den ganze Ver­lags­an­ge­bo­te immer dann, wenn Titel ein­ge­stellt wer­den: Al­lein die Zahl der jähr­lich ein­ge­stell­ten Fach­zeit­schrif­ten geht an die hun­dert. Da viele die­ser An­ge­bo­te einen On­line-Ab­le­ger haben, wird die­ser zu­meist mit aus dem Netz ge­nom­men. Ein Bei­spiel: Die Zeit­schrift MacUp, einst das Zen­tral­or­gan der App­le-Fans in den 90ern.
  • Nicht an­ders ist die Si­tua­ti­on bei Star­tups, die ihren Be­trieb ein­stel­len, hier eine jün­ge­re Liste: 13 Start-ups, die 2010 schon von uns ge­gan­gen sind
  • Auch wer­den Web­sites vie­ler Un­ter­neh­men ab­ge­schal­tet; wer es genau wis­sen will, suche doch mal nach Cor­po­ra­te Web­sites der alten Agen­tu­ren Bit­lab, WWL, Con­cept, Kabel New Media, Pop­net – es ist nichts mehr da und auch bei ar­chi­ve.org sind nur Frag­men­te. Auf diese Weise sind üb­ri­gens auch Mit­ar­bei­ter­kurz­pro­fi­le die­ser Un­ter­neh­men ver­schwun­den.
  • Dies gilt auch für be­rühm­te Web-Pro­jek­te. Ein hüb­sches Bei­spiel ist der Wild­park, ein Krea­tiv­pro­jekt der Agen­tur Pi­xel­park. Er taucht auf der Such­ma­schi­nen­er­geb­nis­sei­te von Goog­le erst auf Seite 2 auf. Und dort fin­det man unter Um­stän­den eine sog. „Kon­ser­ve“, die Web­site ist aber über die Home­page nicht mehr zu­gäng­lich, da die Brow­ser­wei­che eine Po­si­tiv­lis­te ist und bei neue­ren Brow­sern ver­sagt. Zudem hat das neue Ma­nage­ment im Jahr 2009 einen Re­launch des Pro­jek­tes durch­ge­führt. Er­geb­nis: das „be­rühm­te alte Wild­park“ ist nur noch ein Puz­zle für kennt­nis­rei­che Ar­chäo­lo­gen. Für die Öf­fent­lich­keit wird er durch ein neues, an­ders­ar­ti­ges An­ge­bot er­setzt.
  • Pres­se­mit­tei­lun­gen vie­ler Un­ter­neh­men sind nicht mehr auf­find­bar. In der dy­na­mi­schen In­ter­net­bran­che sieht man es be­son­ders gut: Wäh­rend mein pa­pier­nes Ar­chiv seit 1991 Pres­se­mit­tei­lun­gen auf­weist, rei­chen On­line-Ar­chi­ve vie­ler Un­ter­neh­men meis­tens keine zehn Jahre zu­rück, ob­wohl das Un­ter­neh­men viel län­ger exis­tiert. Als Bei­spiel sei hier noch ein­mal Pi­xel­park an­ge­führt: die äl­tes­te zu­gäng­li­che Pres­se­mel­dung ist von 2002, das Un­ter­neh­men wurde aber schon 1991 ge­grün­det und hat ab 1994 Pres­se­mel­dun­gen im Web ver­öf­fent­licht.
  • Bei Un­ter­neh­men fal­len auch an­de­re In­for­ma­tio­nen weg. So nennt Pi­xel­park selbst nur noch als Grün­der Pau­lus Neef. Wel­che Rolle Eku Wand spiel­te, der heute Pro­fes­sor für De­sign ist, er­gibt sich aus nur noch aus Pres­se­ar­ti­keln der Ne­wE­co­no­my-Zeit und des­sen Bio­gra­fie auf sei­ner ei­ge­nen Web­site. Über die Grün­de kann man spe­ku­lie­ren. Mög­lich ist, dass hier eine Or­ga­ni­sa­ti­on einen Grün­der ver­ges­sen hat, weil die dort agie­ren­den Men­schen die Ge­schich­te al­len­falls noch vom Hö­ren­sa­gen kann­ten. Die Do­ku­men­ta­ti­on von Ge­schich­te im In­ter­net al­lein hin­dert also das Ver­ges­sen nicht. Es be­darf Zwei­fel an der Rich­tig­keit ak­tu­el­ler Fund­stel­len und es be­darf eines be­wuss­ten da­ten-ar­chäo­lo­gi­schen Aus­gra­bungs­pro­zes­ses.
  • Blogs, die jah­re­lang nicht mehr ge­pflegt wer­den, wer­den vom Be­trei­ber zu­meist ir­gend­wann ab­ge­schal­tet, zum Bei­spiel, weil sie die Kos­ten der Do­main nicht mehr tra­gen möch­ten.

Ver­schwin­den­de Nut­zer­bei­trä­ge

  • Mit allen oben ge­nann­ten An­ge­bo­ten ver­schwin­den auch deren Nut­zer­bei­trä­ge, ins­be­son­de­re bei Blogs und Ver­lags­an­ge­bo­ten.
  • Das­sel­be gilt auch für Bei­trä­ge in gro­ßen Com­mu­nities, die pri­vat be­trie­ben und ir­gend­wann ein­ge­stellt wur­den. Ein gutes Bei­spiel ist wohl dot­com­tod, das 2004 ein­ge­stellt wurde; zuvor gin­gen fast alle Bei­trä­ge ver­lo­ren, auf­grund von Strei­tig­kei­ten im Kreis der Grün­der. Aber auch Dut­zen­de gro­ßer und hun­der­te klei­ner kom­mer­zi­el­ler Com­mu­nities wur­den ge­schlos­sen, etwa die GMX-Com­mu­ni­ty sowie Giga, ebay, Nin­ten­do und Bym. Ak­tu­ell wird ge­ra­de die Com­mu­ni­ty next­stop vom Netz ge­nom­men, weil sie von Face­book ge­kauft wurde.
  • Auch Le­ser­kom­men­ta­re bei Ver­lags­an­ge­bo­ten kön­nen ver­schwin­den: Ich habe an einem Re­launch mit­ge­wirkt, bei dem das Pro­jekt­team be­schlos­sen hat, sämt­li­che alten Le­ser­kom­men­ta­re nicht auf die neue tech­ni­sche Platt­form zu mi­grie­ren. So ver­schwan­den zig­tau­sen­de von Le­ser­bei­trä­gen aus dem Netz. Ge­stört hat sich üb­ri­gens nie­mand daran.
  • Auch Kun­den­be­wer­tun­gen „ver­schwin­den“ lang­fris­tig. Im eCom­mer­ce gilt das immer, so­weit das Pro­dukt­sor­ti­ment ak­tua­li­siert oder ge­tauscht wird. Wer es nicht glaubt, suche bei Ama­zon die Kun­den­be­wer­tun­gen zu alten Elek­tro­nik­ar­ti­keln. Bei Be­wer­tungs­por­ta­len (Qype, Yelp etc.) ver­schwin­den Bei­trä­ge, wenn das Be­zugs­ob­jekt in der Rea­li­tät „stirbt“: Wenn Lu­i­gis Ris­to­r­an­te schliesst, wird auch der alte Ein­trag ir­gend­wann aus dem Netz ge­nom­men, denn un­gül­ti­ge Ein­trä­ge haben für Nut­zer und Be­trei­ber kei­nen Sinn mehr. Das­sel­be gilt na­tür­lich für Com­mu­nities, die als selb­stän­di­ge Pro­duk­te ein­ge­stellt wur­den, ein jün­ge­res Bei­spiel ist Tri­phun­ter, das von brand­s4fri­ends über­nom­men wurde.
  • In die­sel­be Ka­te­go­rie fal­len Links von URL-Shor­te­nern, deren Diens­te ein­ge­stellt wur­den. Die Kür­zel wer­den dann nicht mehr auf­ge­löst, der Link ist „ka­putt“ und die Be­deu­tung des gan­zen Nut­zer­bei­tra­ges steht in Frage. Eines der be­rühm­te­ren Bei­spie­le ist tr.​im aus dem Au­gust 2009. Es soll­te nicht wun­dern, wenn von fast 200 URL-Shor­te­nern welt­weit  der grö­ße­re An­teil in Kürze seine Diens­te ein­stellt und somit auch deren alte Links nicht mehr auf­ge­löst wer­den.

Zwi­schen­er­geb­nis: Ein Leben und Ster­ben von Teil­sys­te­men

Das In­ter­net ist zwar ei­ner­seits ein gro­ßes Gan­zes, an­de­rer­seits ist es aber auch ein Netz von Teil­sys­te­men, deren In­hal­te aus ver­schie­de­nen Grün­den ent­we­der kom­plett aus dem Netz ge­nom­men wer­den oder wel­che die Da­ten­lö­schung oder -nicht­ver­öf­fent­li­chung au­to­nom ent­schei­den.

Die Grün­de dafür sind bei kom­mer­zi­el­len An­ge­bo­ten häu­fi­ger Ver­än­de­run­gen auf der Un­ter­neh­mens­ebe­ne (Über­nah­me des Un­ter­neh­mens, In­sol­venz), auf der stra­te­gi­schen Ebene (ein Ge­schäfts­feld wird ein­ge­stellt) oder auf der Pro­dukt­ebe­ne (ein Pro­dukt ist wirt­schaft­lich nicht er­folg­reich und wird ein­ge­stellt, be­schränkt fort­ge­führt oder geht in einem an­de­ren auf). Auch wenn ein On­line-Pro­dukt zu­nächst als „Kon­ser­ve“ mit ge­rings­ten Mit­teln auf­recht­er­hal­ten wird, stellt sich ir­gend­wann die Frage der Be­triebs­kos­ten. Auch kön­nen es Grün­de der Un­ter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on sein, warum ein Pro­dukt am Ende vom Netz ge­nom­men wird (ver­al­te­tes Cor­po­ra­te De­sign, Ver­ges­sen­wol­len des Fehl­schla­ges). Bei pri­va­ten An­ge­bo­ten kann es Des­in­ter­es­se an der Fort­füh­rung oder schlicht die Un­wil­lig­keit sein, die Be­triebs­kos­ten wei­ter­hin zu tra­gen.

Das Web ist also so viel­fäl­tig wie das Leben, das aus Ge­burt und Ster­ben be­steht. In der sach­li­chen Spra­che des Ge­schäfts­le­bens for­mu­liert: Auch On­line-Pro­duk­te wer­den ver­än­dert, aus­ge­tauscht oder er­rei­chen ihr End of Live. Und, wie wir am Bei­spiel des un­er­wähn­ten Agen­tur­grün­ders ge­se­hen haben: Manch­mal ver­gis­sen Men­schen etwas, ge­wollt oder un­ge­wollt, und über­la­gern so alte In­for­ma­ti­on mit neuer, bis die alte In­for­ma­ti­on tech­nisch kaum noch zu­gäng­lich ist. Die tech­ni­schen Zu­gangs­hür­den könn­ten dabei sogar noch zu­neh­men, da die Kom­ple­xi­tät der Front­en­dent­pro­gram­mie­rung in den letz­ten Jah­ren deut­lich ge­gen­über dem „plain HTML der 90er“ zu­ge­nom­men hat.

Aus­blick: Alles über­all

In den letz­ten Jah­ren hat sich die Si­tua­ti­on al­ler­dings we­sent­lich ver­än­dert: Mit Web­ser­vices tau­schen Sys­te­me Daten aus und re­pli­zie­ren diese Daten au­ßer­halb des Herr­schafts­be­rei­ches des Ur­he­bers in Dritt­sys­te­me. Was in einem Teil­sys­tem nicht mehr exis­tiert, lebt ge­wis­ser­ma­ßen an an­de­rer Stel­le wei­ter. So wür­den Tweets aus Twit­ter im Goog­le-In­dex auch dann noch ver­füg­bar sein, wenn Twit­ter sein Pro­dukt eines Tages ein­stel­len würde. Ent­spre­chen­des gilt für Tweets, die an Face­book über­ge­ben wer­den, und im Grun­de für alle So­ci­al-Me­dia-Platt­for­men, bei­spiels­wei­se Digg und flickr, die über APIs kom­mu­ni­zie­ren. Zu­sätz­lich zu den pro­dukt­spe­zi­fi­schen APIs wie bei Twit­ter er­lau­ben Stan­dards den Da­ten­aus­tausch für be­lie­bi­ge In­halts­ob­jek­te, z.B. News­feeds oder Kom­men­ta­re. Damit ent­steht ein „Alles ist über­all“-Ef­fekt.

Die­ser „Alles ist über­all“-Ef­fekt gilt al­ler­dings nur so weit, wie Li­zenz­be­stim­mun­gen mit End­kun­den die Da­ten­wei­ter­ga­be er­lau­ben und wie die Be­stim­mun­gen zwi­schen den Platt­form-An­bie­tern nicht zum Lö­schen von In­hal­ten ver­pflich­ten; so ver­bie­tet Face­book bei­spiels­wei­se den Dritt­an­bie­tern aus­drück­lich, bei Face­book ge­lösch­te In­hal­te in den Dritt­sys­te­men wei­ter­hin zu spei­chern. Ob es hier­bei bleibt, ist al­ler­dings un­klar. Ei­ner­seits wer­den sich An­bie­ter immer be­mü­hen, die Kon­trol­le über ihre Nut­zer­in­hal­te zu be­hal­ten, an­de­rer­seits geht die Tech­nik wie immer einen Schritt vor­aus und kann eine Ei­gen­dy­na­mik ent­wi­ckeln.

Der­zeit gilt: Für Nut­zer­bei­trä­ge auf Platt­for­men der Big Play­er und Markt­füh­rer (Mi­cro­soft, Apple, Goog­le, Ama­zon, Yelp, Fours­qua­re usw.) ist je­den­falls nicht ab­seh­bar, ob und in wel­cher De­ka­de die In­hal­te aus dem Web ver­schwin­den und wer mit wem Daten aus­tauscht. Ent­spre­chen­des – und das wird gerne über­se­hen – gilt für Ge­heim­diens­te und Über­wa­chungs­be­hör­den wie den CIA.

Rich­ti­ger wäre also: „Die gro­ßen In­ter­net-Platt­for­men und staat­li­che Über­wa­chungs­be­hör­den ver­ges­sen nichts“.

Die­ser Bei­trag ist zu­erst auf Carta er­schie­nen.

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