Christoph
Kappes

Kategorie: Lang
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50 Thesen — Auswirkungen des digitalen Zeitalters auf die Politik

Die­ses Thema ist ein gro­ßes Thema, man kann daran eigent­lich nur schei­tern. Ich habe den­noch die Ein­la­dung der GRÜNE Aka­de­mie der Hein­rich Böll Stif­tung ange­nom­men, einem Think Tank der GRÜNEN, und am 21. Januar in Ber­lin ein State­ment abge­ge­ben und dis­ku­tiert. Es hat mich gereizt, hier ein­mal nicht eine der übli­chen Ant­wor­ten bei­zu­steu­ern, son­dern eine andere, eigene Sicht zu ent­wi­ckeln, die nicht die übli­che Melange aus Par­ti­zi­pa­tion und Social Media ist. Denn Poli­tik wird sich mei­nes Erach­tens sehr viel grund­le­gen­der ändern als zum Bei­spiel durch Bür­ger­por­tale und twit­ternde Politiker.

Das fol­gende The­sen­pa­pier hat kei­nen wis­sen­schaft­li­chen Anspruch, son­dern ist nur ein Arbeits­pa­pier. Es ist den­noch abs­trakt gehal­ten, so dass es für jeden Leser Unklar­hei­ten geben wird. Bitte ver­ste­hen Sie es als Anre­gung und füh­len sie sich zur Dis­kus­sion ein­ge­la­den. Sie kön­nen das Doku­ment in vol­ler Grösse anse­hen und kom­men­tie­ren, wenn Sie auf den grü­nen Crocodoc-Schriftzug kli­cken, alter­na­tiv geht auch der Download.



Die Per­spek­tive die­ses Papiers, das sich auf einen Zeit­raum von 10 oder mehr Jah­ren bezieht:

1. Die Digi­ta­li­sie­rung ist weit mehr als das Inter­net oder gar Social Media. Digi­ta­li­sie­rung bedeu­tet, das weiß jeder­mann, dass ana­loge Infor­ma­tion in binäre Infor­ma­tion  umge­wan­delt. Der Begriff meint aber auch ein hier­auf auf­set­zen­den Pro­zess, bei dem alle Hand­lun­gen gemes­sen, algo­rith­misch bewer­tet, simu­liert wer­den kön­nen. Er bedeu­tet auch, dass Hand­lun­gen als Pro­zesse und deren Teil­pro­zesse betrach­tet wer­den kön­nen, wobei man Pro­zesse misst, um sie zu stan­dar­di­sie­ren, zu ver­kür­zen, zu beschleu­ni­gen. Allein durch die­sen Pro­zess wird sich Poli­tik ver­än­dern, das letzte wich­tige Teil­sys­tem der Gesell­schaft vor Kunst und Reli­gion, das noch nicht digi­ta­li­siert ist. Pla­ka­tiv: Erst mes­sen, dann mei­nen — wie Google. Law is Code — Pro­zesse kann man wie prä­zise defi­nierte Schritte im Soft­ware Engi­nee­ring anse­hen, von der Anfor­de­rung bis zum Bug­tracking und Release­ma­nage­ment. (Und hier die lei­der unver­meid­bare Fuss­note:1)

2. Es ändert sich das Medi­en­sys­tem und das die Kom­mu­ni­ka­tion inner­halb des Publi­kums und somit die Umwelt der Poli­tik. Das hat Kon­se­quen­zen für die Poli­tik selbst.

3. Es ändert sich dra­ma­tisch, wie Poli­tik mit ihrer Umwelt kom­mu­ni­zie­ren wird.

4. Es ändern sich die Orga­ni­sa­ti­ons­for­men der Poli­tik, weil Orga­ni­sa­tion sich nach den Erfor­der­nis­sen ent­wi­ckelt, und diese sind kom­ple­xer und diver­ser als früher.

5. Es ändern sich die Akteure der Poli­tik, ins­be­son­dere die Parteien.

Man muss sich ein­fach nur klar­ma­chen: Der Com­pu­ter und das Inter­net erlau­ben neue soziale Hand­lun­gen, und die wer­den ein­tre­ten, wenn sie Nut­zen stif­ten. Des­we­gen ist die typi­sche Hal­tung der meis­ten Poli­ti­ker, die ihre Auto­no­mie nicht ein­ge­schränkt sehen möch­ten und des­we­gen mei­nen, die Ände­run­gen irgend­wann selbst noch ver­mei­den zu kön­nen, zwar rich­tig, aber falsch: Es kommt näm­lich, wie es kommt, weil es gut ist. Tech­nik ist das Ergeb­nis sozia­ler Pro­zesse und Tech­nik prägt soziale Pro­zesse, so geht es hin und her. Man kann nicht erst das Auto erfin­den und dann noch von Ber­lin nach Mün­chen zu Fuss gehen wol­len, wenn man eine Auf­gabe hat, die welt­lich ist.

Es würde mich sehr freuen, wenn es zu dem Papier Anmer­kun­gen gäbe. Sie kön­nen ent­we­der hier unten oder auch im Doku­ment selbst vor­ge­nom­men wer­den. Ich habe ver­suchs­weise die Platt­form Cro­codoc benutzt und die Rechte soll­ten so ein­ge­stellt sein, dass jeder kom­men­tie­ren kann.

 

Fuß­note 1: Die Aus­sage, dass die Digi­ta­li­sie­rung in binäre For­mate über­führe, ist lei­der falsch. Sie könnte auch in belie­bige andere Sym­bole über­füh­ren, mit denen Com­pu­ter ope­rie­ren kön­nen, wobei die Pointe daran ist, dass der Com­pu­ter eben ohne die Bedeu­tung der Sym­bole ope­riert. Die Bedeu­tung wei­sen wir den Sym­bo­len zu. Außer­dem fehlt im gan­zen Absatz der Aspekt, dass Com­pu­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel sind; das ist heute jeder­mann klar (für man­che Social Media Fans scheint er nur noch das zu tun), daher wurde es hier nicht aufgeführt.

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15 Kommentare zu “50 Thesen — Auswirkungen des digitalen Zeitalters auf die Politik”

  1. Der Ver­gleich Soft­ware­ent­wick­lung und Regie­rung ist genial.
    Es müsste mei­ner Ansicht nach eine Stelle im Staat geben, die sich mit der Soft­ware­ent­wick­lung für poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Zwe­cke beschäf­tigt. Eine Team aus eige­nen Staats­ent­wick­lern und Projekt-Managern, die Auf­träge an pri­vat­wirt­schaft­li­che Unter­neh­men vergibt.

    Aller­dings sollte eine Gesell­schaft auch ohne Netz Hand­lungs­fä­hig blei­ben. Und man müsste auch Bür­ger berück­sich­ti­gen, die das Netz ablehnen.


  2. zu1. Finde die Span­nung zwi­schen zuneh­men­der Diver­si­tät und mög­li­cher Des­ori­en­tie­rung gut dar­ge­stellt. Die Schluss­fol­ge­rung in 1.4 „Auf der Agora braucht es keine Medien“ leuch­tet mir nicht ein, ich würde eher das Gegen­teil ver­mu­ten, gerade wegen der zuneh­men­den Viel­falt der öffent­li­chen Meinungen.

    zu 2.2: Es han­delt sich wirk­lich „nur“ um eine Min­der­heit, sogar eine kleine. Darum erscheint mir die Schluss­fol­ge­rung in 2.4 sehr unsicher.

    zu 6.3: Dies könnte / sollte als Über­schrift der Abschnitte 3 — 5 die­nen — und passt auch zu den Per­spek­ti­ven, die die The­sen ins­ge­samt ver­mit­teln: Wie ver­meide ich, hier­mit auch nur einen „Hype der Tech­no­kra­ten“ zu befeuern?

    Dass sich die Rol­len nicht nur in, son­dern auch der Par­teien aus­dif­fe­ren­zie­ren wer­den (8.5), gilt allein schon durch die wach­sende Kom­ple­xi­tät und Indi­vi­dua­li­sie­rung der Gesell­schaft, Digi­ta­li­sie­rung ist da nur ein Faktor.

    Wie 9.4 funk­tio­nie­ren soll, kann ich mir nicht vorstellen.

    Summa: Sehr inter­es­sante und zuge­spitzte The­sen, mir etwas zu ein­sei­tig tech­no­kra­tisch und in der Beschrei­bung der gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen zu „sicher“: Es geht um *Mög­lich­kei­ten*, die so ein­tre­ten kön­nen, deren Wahr­schein­lich­keit aller­dings noch sehr offen ist. Der Zeit­raum von 10 Jah­ren ist viel zu kurz bemes­sen, und es wird mit Sicher­heit noch recht anders kom­men (Momente der Träg­heit, Kon­sum­ori­en­tie­rung, Eska­pis­mus, Indi­vi­dua­li­sie­rung, Seg­men­tie­rung, Irra­tio­na­li­tät usw.).

    Es ist aus mei­ner Sicht noch durch­aus unent­schie­den, was von den beschrie­be­nen Ten­den­zen zur „poli­ti­schen Kul­tur“ und was nur zu einer Sub­kul­tur von Spe­zia­lis­ten, Tech­no­kra­ten und Nerds wird (ist).


  3. Christoph Kappes

    @Bernd Vieh­mann: Ja, das Thema Digi­tal Divide ist ernst, das habe ich hier aus­ge­klam­mert, weil ich davon nicht genug verstehe.

    @Reinhart Gruhn: zu 2.2.-4. Die Min­der­heit wirkt, im Unter­schied zu ana­lo­gen Zei­ten, direkt in den Nach­rich­ten­strom der Mehr­heit und hat hier einen Hebel, siehe zur Mitte 2011 auch eine Stu­die, wonach 10% der Popu­la­tion der Grenz­wert sind, ab dem andere die Mei­nung adap­tie­ren (unter sehr engen Stu­di­en­be­din­gun­gen, zuge­ge­ge­ben). Ich denke übri­gens, dass wir — unter der Vor­aus­set­zung, dass wir einen Grös­sen­ord­nung von 70% Nut­zung der sog sozia­len Medien errei­chen, woran ich ernst­haft glaube — es inhalt­lich mit ganz ande­ren Mei­nun­gen als heute zu tun haben wer­den. Selbst ich habe punk­tu­ell schon Ver­schwö­rungs­theo­rien für über­le­gens­wert gehal­ten, obwohl ich die Betei­lig­ten per­sön­lich kenne ;-)

    Ins­ge­samt ist der Text sicher­lich zu sehr vom Inter­net und der Tech­nik her gedacht. Das liegt ein­fach daran, dass das mein Home Turf ist und die politisch-sozialen Aspekte eher ange­le­se­nes Hobby. Ich würde mich sehr freuen, wenn ein inter­dis­zi­pli­nä­res Team von Wiss­chen­schaft­lern einen ähnli­chen Wurf wagen würde oder man das irgendwo gemein­sam fort­set­zen könnte.

    Übri­gens über­trage ich einige Aspekte aus der Wirt­schaft, NICHT aus der Inter­net­szene. Den zuneh­men­den Ein­satz von Werk­zeu­gen sehe ich dort — Inci­dent Manage­ment, Sup­port­fo­ren und Bug/CR-Tracking sind inzwi­schen nor­mal und kos­ten nichts. Das wird wei­ter gehen! Daztu gehört auch ein ande­rer Aspekt Wir dis­ku­tie­ren dort bei den Kon­zer­nen, die ich selbst lange live erlebt habe und bis heute erlebe, keine „Mei­nun­gen“ mehr, da wird gemes­sen, da wird ratio­nal argu­men­tiert, da wer­den A/B-tests gemacht. Das war frü­her anders, da hat sich der Patri­arch hin­ge­stellt und seine Mei­nung gesagt. Das zeigt umge­kehrt auch auf Schwächen/Stärken, das ist im Steve Jobs mit einem hohen Mass an treff­si­che­rer Intui­tion vs Google mit sehr viel Testverfahren.

    Sol­che The­men wie Design Thin­king müss­ten mE drin­gend mal in der Poli­tik ankommen.


  4. »Man kann nicht erst das Auto erfin­den und dann noch von Ber­lin nach Mün­chen zu Fuss gehen wol­len, wenn man eine Auf­gabe hat, die welt­lich ist.«

    Wenn sich abzeich­net, das die indi­vi­du­elle Moto­ri­sie­rung eine Sack­gasse ist, wes­halb sollte man dann nicht zu Fuß gehen, oder ent­spre­chende Alter­na­ti­ven zu suchen.

    Ich denke es ist eher unsin­nig, tech­ni­sche Erun­gen­schaf­ten um jeden Preis zu akzeptieren.

    Anders gesagt, wir haben das Atom­kraft­werk erfun­den und stei­gen trotz »welt­li­cher Auf­ga­ben« aus der Tech­no­lo­gie aus!


    • Christoph Kappes

      Lie­ber Emil Blume,

      ich hatte beim Schrei­ben einen schel­mi­schen Gesichts­aus­druck, weil ich mir vor­ge­stellt habe, dass jemand so ant­wor­ten könnte wie Sie. Des­we­gen ist mein Satz so pro­vo­kant aus­ge­fal­len. Danke schön, das ist eine Steilvorlage.

      Ihr Satz 1: „Wenn sich abzeich­net, das die indi­vi­du­elle Moto­ri­sie­rung eine Sack­gasse ist, wes­halb sollte man dann nicht zu Fuß gehen, oder ent­spre­chende Alter­na­ti­ven zu suchen.„
      Meine Ant­wort: Ja, wenn sich das abzeich­net. Aus mei­nem Blick­win­kel zeich­net sich aber das Gegen­teil ab: Poli­ti­sche Pro­zesse sind zu lang­sam und das gefähr­det die Legi­ti­ma­tion durch Ver­fah­ren, weil Ver­fah­ren wie S21 mit 15 Jah­ren am Ende zu ande­ren Sach­ver­hal­ten und auch zu „ande­ren Bür­gern“ füh­ren. In einer kom­ple­xer wer­den­den Welt muss auch die Poli­tik ins­ge­samt pro­fes­sio­nel­ler wer­den. Der­zeit rei­ten sie mit Pfer­den. Las­sen Sie uns die Poli­tik bitte erst­mal Auto fah­ren, dann sehen wir wei­ter. (Ich meine nicht die Aus­stat­tung mit iPads: mir geht es um den behut­sa­men Umbau poli­ti­scher Pro­zesse oder jeden­falls die Dis­kus­sion und Pilo­tie­rung der­sel­ben).
      Ihr Satz 2: „Ich denke es ist eher unsin­nig, tech­ni­sche Erun­gen­schaf­ten um jeden Preis zu akzep­tie­ren.„
      Meine Ant­wort: Wer hat denn das gesagt, dass das „um jeden Preis“ zu tun sei? Nie­mand. Ich habe gesagt, dass es eine innere Logik von sozia­ler Akzep­tanz von Tech­nik gibt, weil sie Nut­zen stif­tet. So ist es mit Open Govern­ment, hier soll IT Trans­pa­renz schaf­fen, an ande­rer Stelle eben Effi­zi­enz — und das ist nichts böses, son­dern der seit Jahr­tau­sen­den anzu­fin­dende Ver­such des Men­schen, sei­nen Auf­wand für das gewünscht Ergeb­nis zu min­dern.
      Ihr Satz 3: „Anders gesagt, wir haben das Atom­kraft­werk erfun­den und stei­gen trotz »welt­li­cher Auf­ga­ben« aus der Tech­no­lo­gie aus!„
      Im Unter­schied zur Atom­kraft ist der Com­pu­ter „an sich“ eine sozial beherrsch­bare Tech­nik. Das ist jeden­falls meine Sicht. Feh­ler kön­nen und müs­sen wir kor­ri­gie­ren — und nichts ande­res tun wir seit 40 Jah­ren im Daten­schutz­recht. So wird es blei­ben. (Aus­nah­men sind natür­lich dort zu dis­ku­tie­ren, wo der Ein­satz von Com­pu­tern schwe­ren Scha­den anrich­ten kann oder ethisch ver­werf­lich sein kann, z.B. im Bereich Robotik/Drohnen. Aber darum geht es hier in die­sem Text ja nicht.)


      • Lie­ber Herr Kappes,

        mal etwas aus­führ­li­cher, Sie schreiben:

        »In einer kom­ple­xer wer­den­den Welt muss auch die Poli­tik ins­ge­samt pro­fes­sio­nel­ler werden«

        Dazu muss ich Ihnen ant­wor­ten, das die Welt kei­nes­wegs kom­ple­xer wird. Das Gras wächst wie bis­her, es fin­den keine grö­ße­ren Umwäl­zun­gen der Lebens­be­din­gun­gen statt. Ledig­lich der Mensch nutzt kom­ple­xere Mecha­nis­men und Werk­zeuge um mate­ri­elle Gewinne, oder Macht an sich zu binden.

        Wenn Sie unter Poli­tik ver­ste­hen, dass Auf­ga­ben, Fra­gen und Pro­bleme, die den Auf­bau, den Erhalt sowie die Ver­än­de­rung und Wei­ter­ent­wick­lung der öffent­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ord­nung anbe­lan­gen, gere­gelt wer­den, pflichte ich Ihnen bei, dass unsere Stell­ver­tre­ter Demo­kra­tie dazu in der jetzt­zi­gen Form nicht geeig­net ist. Aller­dings weni­ger, weil moderne Metho­den feh­len, son­dern viel­mehr weil sys­tem­be­dingt mas­sive Kor­rup­tion auf­tritt. Ich kann mir nicht vor­stel­len, das sich durch den Wech­sel des Trans­port­mit­tels (vom Pferd zum Auto) die Inhalte ändern. Der Ansatz erschliesst sich mir so folg­lich nicht.


        • Christoph Kappes

          Meine For­mu­lie­rung „in einer kom­ple­xer wer­den­den Welt“ bezieht sich nur auf das, was „Welt“ des Men­schen ist, also zwangs­läu­fig auf seine Welt, die er mit sei­nen Werk­zeu­gen geschaf­fen hat. Da sind wir uns einig, For­mu­lie­rungs­frage, „Welt-„Begriff.
          Wenn, wie Sie glau­ben — lei­der fehlt mir dafür eine Unter­maue­rung — „Kor­rup­tion“ auf­tritt, so wird die Digi­ta­li­sie­rung, in wel­chem Sinne auch immer, auch nach mei­ner Mei­nung dem nicht abhel­fen. Viele glau­ben aber, dass Trans­pa­renz hel­fen würde. Ich bin da skep­tisch, weil es keine 100%ige Trans­pa­renz geben kann und schon die kleinste Lücke von zehn Sekun­den Intrans­pa­renz das Ziel unter­läuft. Das ist näm­lich der gefüllte Brief­um­schlag, dem man dem ande­ren in die Tasche steckt.


  5. Aus mei­nem Blick­win­kel zeich­net sich ab, dass indi­vi­du­elle Moto­ri­sie­rung eine Sack­gasse ist.

    Wie stellt sich das denn dann aus Ihrem Blick­win­kel dar?


  6. Christoph Kappes

    Von die­ser Fra­ge­stel­lung ver­stehe ich lei­der zu wenig. Wenn die Ener­gie­form Öl nicht abge­löst wird, dann ist das wohl so.
    Ich per­sön­lich ver­mute, dass Sharing die erste Lösung ist, in die gleich Rich­tung geht es ja auch lang­sam bei IT.
    Aus­ser­dem kann die It-gestützte Logis­tik viele Pro­zesse abwi­ckeln. Ansons­ten ver­mute ich, dass die Mensch­heit irgend­wann zen­trale Bewe­gungs­me­cha­nis­men hat und nicht mehr dezen­trale, die kön­nen dann gesha­red wer­den.
    Über­trie­ben gesagt: Stufe 1 ist das Tei­len von Autos. Stufe 2 ist it-gestützte Auto­ma­ti­sie­rung und Logis­tik, dh die Logi­sitk wird wie bei Containerschiffen/Hafenlogistik so gut, dass man güns­tig die wöchent­lich benö­tigte Ware bekommt. Stufe 3 könn­ten neue soziale Bal­lungs­räume sein, bei denen die Bewe­gung durch För­der­bän­der o.ä erle­digt wird, so dass die Ener­gie­ver­brau­cher sich ver­la­gern. Das wird aber lei­der nach mei­nem Tod sein, und das auch nur dann, wenn die Bevöl­ke­rungs­dichte bei loka­len Bal­lun­gen auf­recht­er­hal­ten wer­den kann. Letz­te­res ist mei­nes Wis­sens nicht der Fall.
    Aber wie gesagt: ich ver­stehe davon nichts. Reine dahingemeint.


  7. „Auf der Agora braucht es keine Medien“ Wirklich?

    Bestand und besteht eine der zen­tra­len Auf­ga­ben von Medien nicht darin, Kom­ple­xi­tät so zu redu­zie­ren, dass dem Publi­kum ein grö­ße­res Gan­zes zugäng­lich gemacht wird? (wie erfogl­reich dies noch geschieht, ist eine andere Diskussion).

    Trans­pa­renz ist ja kei­nes­wegs gleich­be­deu­tend mit Ver­ständ­lich­keit: Was also wären die Vor­aus­set­zun­gen, damit netz­ba­sie­rende Demo­kra­tie­pro­zesse nicht schon nach kur­zer Zeit in dem­ago­gi­schen Mecha­nis­men enden — gesteu­ert von einer Mischung aus tech­nisch gesteu­er­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien und den erwähn­ten Persoonen-Superhubs?

    Eine der wesent­li­chen Her­aus­for­de­rung der Digi­ta­li­sie­rung für den Men­schen besteht für mich im Para­do­xon, dass zwar alles für alle in zuneh­mend gren­zen­lo­ser Trans­pa­renz ein­seh­bar wird, dies aber kei­nes­wegs zu mehr Klar­heit oder Durch­blick führt, son­dern eher gegen­tei­lig zu wir­ken scheint (siehe dazu z.B. Schirr­ma­chers The­sen in „Pay­back“. Sascha Lobo in sei­ner Kolumne auf SpOn:
    Die Aus­wahl, wen man um Rat fragt, bestimmt die Ant­wort. Was sich im Klei­nen über­schau­bar anhört, wird in der Über­kom­ple­xi­tät des Inter­nets zum Pro­blem. (4.5.2011 „Im Netz der Bes­ser­wis­ser“)
    Viel­leicht gibt es so etwas wie einen auto­ma­ti­schen Zynis­mus des digi­ta­len Zeit­al­ters, fast alle Fak­ten zu allen Miss­stän­den her­aus­fin­den zu kön­nen und sie anschlie­ßend igno­rie­ren zu müs­sen. (2.3.2011 „Über­do­sis Weltgeschehen“)


    • Christoph Kappes

      Hm, das Agora-Zitat ist nur in der vier­ten These des Abschnit­tes (1) Medien. In der ers­ten These heisst ja schon, dass Mas­sen­me­dien wei­ter exis­tie­ren wer­den — und dass es dafür drei gute Gründe gibt.
      These Nr. 4 mit dem Zitat „auf der Agora braucht es keine Medien“ bezieht sich nur auf den in These 4 genann­ten Fall:
      „Soweit das Publi­kum selbst schreibt und direkt mit Poli­ti­kern kom­mu­ni­ziert, wer­den Media­to­ren aus­ge­schal­tet.„
      Anders gesagt: Poli­ti­ker, die mit dem Publi­kum reden, brau­chen dafür keine klas­si­schen Medien wie Zei­tung, Radio, TV. Und Kom­ple­xi­tät kön­nen sie hof­fent­lich selbst am bes­ten redu­zie­ren, weil sie ihre Stand­punkte erklä­ren, im Dia­log und direkt.
      Zu den Ver­mu­tun­gen Schirr­ma­chers und Lobos kann ich hier auf die Schnelle nichts sinn­vol­les sagen. Ich weiss auch nicht, ob beide Per­so­nen wirk­lich ihre These stüt­zen wür­den, dass das Inter­net zu weni­ger Klar­heit und Durch­blick führt. Warum glau­ben Sie das? Und, wenn ich das direkt fra­gen darf: warum sind Sie ggf mit die­sem Glau­ben bei D64 eingetreten?


  8. Hm. Viel­leicht war mein Kom­men­tar wie­der mal zu has­tig hin­ge­hackt (darf sich in Dis­kus­sio­nen ein­mi­schen, wer nicht die Zeit hatte, gründ­lich zu Ende zu den­ken und ordent­lich zu formulieren?)

    Ich glaube näm­lich durch­aus, dass das Inter­net eine enorme Chance für die Demo­kra­tie dar­stellt und stehe dem Lager der Netz-Fanboys wesent­lich näher als dem der Inter­netskep­ti­ker. Trotz­dem halte ich es zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt für alles andere als ent­schie­den, ob das Netz unter dem Strich wirk­lich zu mehr Demo­kra­tie führt oder zu mehr Unfreiheit.

    Genau daran gilt es zu arbei­ten — und dazu will ich bei­tra­gen, wenn auch nur im Rah­men mei­ner begrenz­ten Mög­lich­kei­ten. Das ist der Grund für mein Enga­ge­ment bei D64.


  9. …dass man also im vol­len Bewusst­sein, dass keine Unter­wer­fung voll­kom­me­ner ist als die, die den Anschein von Frei­heit wahrt (Rous­seau), sehr genau dar­auf zu ach­ten haben wird, dass der Preis nicht zu hoch wird für jene Frei­heit, die uns das Inter­net ver­heißt… (auch das ist kei­nes­wegs pes­si­mis­tisch zu ver­ste­hen, sondern)


  10. Das liest sich ja alles gut und plau­si­bel, aber auch bei einem nicht-wissenschaftlichen The­sen­pa­pier frage ich mich, wie Du The­sen zur Zukunft der Poli­tik for­mu­lie­ren kannst, ohne ein fun­da­men­ta­les Kon­zept davon vor­zu­stel­len, wie sich Macht kon­sti­tu­iert und wie sich nor­ma­tive Ord­nun­gen aus­prä­gen, denn genau darum geht es in der Politik.

    Inter­es­sant in die­sem Zusam­men­hang finde ich, dass Du auch hier wie­der, wenn ich das rich­tig ver­stehe, das Netzwerk-Paradigma als etwas Neues betrach­test. Ich plä­diere für das Gegen­teil. Netz­werke sind der Ursprung sozia­ler Sys­teme und erst, wenn wir ver­ste­hen, wie sich in ihnen Macht kon­sti­tu­iert, kön­nen wir plau­si­bel abschät­zen, wie sich die Digi­ta­li­sie­rung aus­wirkt. Dazu der fol­gende Lektüretip:

    http://www.scilogs.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/netzkulturen/2012–01-28/soziale-netzwerke-schon-bei-j-gern-und-sammlern-harvard-studie-zu-den-hadza

    Und das eng­li­sche Ori­gi­nal:
    http://www.scilogs.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/netzkulturen/2012–01-28/soziale-netzwerke-schon-bei-j-gern-und-sammlern-harvard-studie-zu-den-hadza


    • Christoph Kappes

      @Sascha Stol­te­now Nein, das Netzwerk-Paradigma betrachte ich nicht als etwas Neues. Netz­werke waren immer schon da. Bitte mich nicht mit Leu­ten ver­wech­seln, die Vor­träge über „krei­sende Erre­gun­gen“ und ähnli­ches halten.


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