Christoph
Kappes

Kategorie: Bunt
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Das Feste der Texte

Flüssiges zu flüssigem, Wasser zu Wasser. Posting zu Posting, eine Qual neuerdings. Überschriften laut wie in Zeitschriften, doch die Finger tippen sie. Aufmacher, Anreißer, Fragen und Provokationen, die auf Antworten warten, jeder ein Minimassenmedium. Die ewigen Beiträge der Social Media Manager auf Facebook, hübsches Geschwafel für jedermann zum rechten Zeitpunkt, am Ende durch eine belanglose Frage abgeschlossen, auf dass möglichst viele Reaktionen kommen, von Menschen, wie Skinner-Boxen, die fremdgesteuert zucken wie Froschschenkel auf dem Seziertisch. Wieder verdrehen sie Mittel und Zweck, Kommunikation der Aufmerksamkeit wegen (und nicht wegen des Sinns), diese Verdrehung ein Gift der Moderne. Die Aufmerksamen merken auf bis zur Unmerklichkeit. Auf Twitter heute lesen und sich heute empören, sich morgen über die Empörer empören, dann Schweigen, gelangweilt sein, Witzchen machen. Und alles wieder von vorn, bis Kommunikation zum Würfelspiel wird, weil man sich aussuchen kann, auf welchen Input man antwortet und dann selbst zur Black Box wird und mit den Schenkeln zuckt. Sich Texte vorstellen, die auf andere Texte mit Respekt verlinken, und sich andere Texte vorstellen, bei denen man sich zusammengeklaubte Zitate berühmter Denker wegdenkt, bis man am Ende nicht mehr weiss, wann ein Link ein Fake und wann er ein echter Link ist. Das gleiche nicht nur über Links denken, sondern jede Art von Zitat, überhaupt von Bezug. Texte ohne Denker-Zitate texten, oder noch besser: So texten, dass nur Kenner die Textstellen erkennen, was zwar den Kennern gegenüber lauter ist, aber dem Denker gegenüber nicht, so dass man besser nur noch Andeutungen macht, die Kenner genau so weit erkennen, dass sie an ihnen ihr Kennertum erkennen und dann doch daran zweifeln. Sich am Ende vorstellen, dass gar kein Text mehr auf irgendeinen anderen verweist, damit wenigstens der Missbrauch endet. Text ohne Hyper, vielleicht doch auf Papier, am besten in Wände geritzt. Symbolketten, einfach nur Symbolketten, ohne irgendwelche Referenzen, am besten auch gar nicht erst mit Wörtern, die Referenzen auf zuvor Geschriebenes sind, damit das nun wortlos Geschriebene referenzfrei für sich steht. Malen, einfach malen, nicht mit der Maschine, sondern dem Pinsel, dem Finger. Sich vorstellen, dass das, was man gelesen hat, ganz anders gemeint ist, und das auch anschließend beim Diskutieren zu merken, wobei man merkt, dass die Person, mit der man zu diskutieren glaubte, wohl doch eine andere Person ist als man glaubte, ohne dass man vorhersagen könnte, wann sich diese Einschätzung zum nächsten Mal ändert. Beim Lesen eigener Texte feststellen, dass man sie entweder anders gemeint hat oder heute eine andere Person ist. Gar nicht mehr schreiben, weil man nicht weiss, an wen man schreibt. Wobei, an wen zu schreiben wäre, zwar nur eine Frage des Entschlusses wäre, aber wer sollte sich dazu entschließen, wenn niemand da ist, der etwas zu sagen hat, was jemandem zu sagen wäre. Ja, nicht schreiben, sondern sagen. Das, was zu sagen ist, sagen. Dem sagen, der zuhört, falls einer zuhört, wobei einer ja immer zuhört, der das dann solange macht, bis er sich nicht mehr hören kann und weghört und solange schweigt, bis er hört und hört und hört, ohne dass er spricht.

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5 Kommentare zu “Das Feste der Texte”

  1. Eine sehr bemerkenswerte paranoische Reflexion von Christoph Kappes über Internetkommunikation, schöne Stellen:

    “Wasser zu Wasser. Posting zu Posting”

    “Wieder verdrehen sie Mittel und Zweck, Kommunikation der Aufmerksamkeit wegen (und nicht wegen des Sinns), diese Verdrehung ein Gift der Moderne.”

    “So texten, dass nur Kenner die Textstellen erkennen, was zwar den Kennern gegenüber lauter ist, aber dem Denker gegenüber nicht, so dass man besser nur noch Andeutungen macht, die Kenner genau so weit erkennen, dass sie an ihnen ihr Kennertum erkennen und dann doch daran zweifeln. Sich am Ende vorstellen, dass gar kein Text mehr auf irgendeinen anderen verweist, damit wenigstens der Missbrauch endet.”

    Daran merkt man, was hier irritiert: die kritische Diszplin ist zerfallen, die Orientierung ist verschwunden, die Peilung versagt, der Dackel hat kein Herrchen mehr. Das stolze autonome Subjekt muss jetzt seine Autonomie, seine Vernunft, seine Moral, seine Selbstbeherrschung beweisen, aber jetzt, jetzt wo es darauf ankommt, jetzt geht es nicht mehr. Jetzt muss es entweder weinen oder lachen, oder beides gleichzeitig, aber beides befriedigt oder demprimiert nicht mehr.
    Es ist auch noch die Indifferenz kein Kriterium mehr.
    Das kritische Subjekt hat es immer gut meint. Jetzt zeigt sich, dass es sich damit nur immer selbst gemeint hat. Jetzt zeigt sich, woran es dem Subjekt gebrach. Jetzt stellt es fest, was ihm immer im Wege stand, nämlich nicht die Störung der anderen, sondern seine eigene Ungestörtheit, seine naive Infantilität, sein Gartenzwergentum, seine autonome Subjektivität, dieser unverschämte Menschenstolz, der niemals etwas anderes war als ein Kokon aus Wünschträumen, aus Absichten, aus Vorhaben, Projekten, Kampagnen, aus Methoden und Gesinnungen – all dies sanktioniert durch eine Kybernetik der Ordnungsfindung durch Verteilung von Rechten und damit verbunden die Durchsetzung von sozialen Vermeidungsstrukturen, um die Näherung zu umgehen, das Unausweichliche, die kommunkative Aufdringlichkeit der eigenen Ohnmacht.

    Bloß nicht merken wollen brauch dürfen, dass das alles großer Käse ist. Und jetzt kommts auf den Tisch: es ist alles nur Käse. Und wie man von Käse weiß, ist häufig der stinkende von besserer Qualität.


  2. Ich gestehe: auch ich glaube noch an die Orientierung.

    Die scheint heute aber mehr die Form eines gravitierenden Filters als die einer panoramatischen Welt-Totale zu haben. Trotzdem: Die Desorientierung der Anderen ist noch lange kein Beweis für ihre Unmöglichkeit, vielleicht nur ein Hinweis auf ein altes Problem: die Suche nach (mindestens) einem Höhlenausgang.


  3. Kleine Denker-Zitat Ergänzung:

    “Das >FesteFließende< gegründet." (Luhmann)


  4. Kleine Denker-Zitat Ergänzung:

    “Das ´Feste´ wird dann auf das ´Fließend´ gegründet.” (Luhmann)


  5. Ja, Geständnisse! Die Saison für Geständnisse hat gerade erst angefangen. Das Geständnis ist Selbstreinigung, ist Unterwerfung aufgrund selbstauferlegter Unpäßlichkeiten; eine letzte Möglichkeit des Zurechtkommens ist das Geständnis, gefolgt vom Bekenntnis, von einem ganz großen “Und-dennoch” oder ein “So-sei-es”, ein Amen, die Geste der Ergebenheit, das Fallenlassen von Widerspenstigkeiten, um auf diese Weise den Wirrnissen aus dem Wege zu gehen. Zu guter letzt muss man gestehen und bekennen. Ich gestehe und glaube.

    Wie auch immer. Jedenfalls zeigt dieser Text was überall geschieht. Das Internet transformiert stolze Menschen zu Desperados ihrer Vernunft. Ich meinte es ja bereits: es ist nicht alles Gold was glänzt, es ist aber auch nicht alles Scheiße was stinkt.


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