27.02.2012

Ansichten: 59.046


Die Netzgemeinde

„Im Internet“, also in der vielfältigen, heterogenen, diversen Realität aus Dingen, Computer-Dingen, Tieren, Pflanzen, Bäumen, Menschen und Internetnutzermenschen ist einmal mehr (zum Beispiel hier, hier, hier  – und inzwischen im halben Internet) die Diskussion entbrannt, ob es eine Netzgemeinde gibt.

Brot & Fische

Mosaic in Tabgha, See Genezareth. Hier kopierte Jesus von Nazareth Brot und Fische.

Die Antwort ist: Meh. (tl;dr)1

Eigentlich ist damit schon alles gesagt, doch soll die eben aufgestellte These ausnahmsweise begründet werden:

 

1. Drei unzählbare Fabeltiere

Bevor man Objekte (oder Subjekte) zu einer Oberklasse begrifflich vereint, muss man sich über die Perspektive einigen. Reden wir von Nutzern bestimmter Kommunikationstechnik, reden wir von einem sozialen Gebilde, reden wir von einer bestimmten politischen Haltung in netzpolitischen Fragen – worum eigentlich geht es genau? Die ganze Welt der Erscheinungen kann in Klassen aufgeteilt werden, je nachdem, was man für das verbindende Dritte hält. Hierzu gibt es seit Jahrhunderten Versuche, das Problem darzustellen (siehe Wikipedia), auch wenn es keine Lösung gibt. Ein von Jorge Luis Borges Borges erfundener Versuch eines Ordnungssystems für Tiere lautet (Quelle):

„Tiere (können) folgendermaßen eingeteilt werden:

  1. dem Kaiser gehörige,
  2. einbalsamierte,
  3. gezähmte,
  4. Milchschweine,
  5. Sirenen,
  6. Fabeltiere,
  7. streunende Hunde,
  8. in diese Einteilung aufgenommene,
  9. die sich wie toll gebärden,
  10. unzählbare,
  11. mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete,
  12. und so weiter,
  13. die den Wasserkrug zerbrochen haben,
  14. die von weitem wie Fliegen aussehen.

 

Wie man leicht sieht, sind beliebige Ordnungssysteme frei definierbar und können von jedermann mit jedermann vereinbart werden. Wenn man dann noch die Perspektive definiert (medienpolitisch, juristisch, chemisch, philosophisch o.ä.) und sich anhand einiger Einzelbeispiele verständigt, was einvernehmlich als das verbindende Dritte aller Beispiele sein soll, so kann man einen Begriff wie „Netzgemeinde“ ohne weiteres täglich verwenden, zum Beispiel für rote und grüne einbalsamierte Milchschweine oder für drei unzählbare Fabeltiere, und wird daran allerlei Erkenntnisfortschritt haben.

2. Echo-Methode

Ungeachtet der Frage, ob man den Beitrag von MdB Ansgar Heveling im Handelsblatt, dem wir hiermit einen Backlink schenken, ob man also diesen Beitrag für dumm oder eines Berufspolitikers für unwürdig hält, muss man leider konzedieren, dass die Frage des Bestehens einer Netzgemeinde nicht von einzelnen Personen (etwa Journalisten, Politikern, Bloggern, Menschen, Christoph Kappes, Inga Rumpf, Kim Il Sung†, Kim Schmitz ), sondern der sozialen Realität beantwortet wird. Im Falle des Beitrags von Ansgar Heveling haben wahrscheinlich mehrere tausend Personen geantwortet, die sich angesprochen fühlten – darunter auch ich, und ich wünsche mir heute, ich hätte auf diese Provokation gar nicht erst reagiert. Rein empirisch lässt sich diese Resonanz dank des modernen Internets mit einem Backlink-Checker erforschen, hier ein Ausschnitt:

Backlinks auf Ansgar Hevelings famosen Beitrag

Backlinks auf Ansgar Hevelings famosen Beitrag

 

Wie man leicht sieht, haben Jens Best (SPD), Jens Koeppen (CDU), Klaus Eck (ECK) und viele andere ein Echo auf eine Kriegserklärung an eine Netzgemeinde erzeugt und gehören der Theorie nach zur Netzgemeinde. Zu den Echokämmerern gehört natürlich auch Thomas Knüwer, der ebenso einen Backlink für das Handelsblatt erzeugte, obwohl er – fast schon wird man misstrauisch – im Zusammenhang mit jedem Backlink zum Handelsblatt immer wieder auf die Tatsache hinweist, dass das Handelsblatt sein früherer Arbeitgeber war.

Wie fragwürdig diese Methodik trotz aller Empirie jedoch ist, zeigt ein Experiment, das jeder selbst durchführen kann. Man gehe in eine Kneipe oder einen sonstigen öffentlich zugänglichen Raum (Museum, Buchhandlung, iPhone-Reparatur-Shop, Rechenzentrum StudiVZ, Wikileaks) und rufe „Ihr Schweine!“. Schon nach wenigen Sekunden wird man Personen wahrnehmen, die keine runden Nasen und keine Ringelschwänze haben, so dass die ursprüngliche (im Wortsinne) „Eingangs“-These – um es mit den Worten von Karl Popper zu sagen – falsifiziert ist. Mehr noch: In der ganz überwiegenden Zahl der Versuche lassen sich schon nach kurzer Zeit etliche akustische Laute vernehmen, die durchaus Sinn tragen, und zwar einen deutlichen, unbestreitbaren, eindeutigen Sinn. Die Resonanz allein beweist also nichts, so schmerzhaft sie auch ist.

3. PageRank-Methode (Google)

Eine weitere Möglichkeit, der These von der Existenz einer Netzgemeinde auf den Grund zu gehen, besteht darin, sie durch dritte Instanzen ermitteln. Dies entspricht dem PageRank und ist eines der Erfolgsrezepte der Würdenträger der Netzgemeinde. (Siehe Jeff Jarvis, „What would Google do?“, in der deutschen Übersetzung etwas verunglückt als „Was würde GröDaSchleu tun?“ betitelt, was die öffentliche Wahrnehmung trotz des zielgruppengerechten Titels stark eingeschränkt hat.)

Eine solche Möglichkeit bestünde darin, die Mitglieder der Netzgemeinde daran zu erkennen, dass sie von klassischen Medien annektiert wurden, beispielsweise Sascha Lobo (SpOn), Mario Sixtus (ZDF), Marina Weisband (F.A.Z.), Frank Rieger (CCC), Felix Schwenzel (brandeins), Falk Lüke (heise, taz) und so weiter. Wem das zu mühselig ist, der betrachte die Population der faz.net-Autoren, allen voran Rainer Meyer, der seine Zugehörigkeit zur Netzgemeinde hier und andernorts immer wieder gern liebevoll zum Ausdruck bringt (beispielsweise durch die Abbildung barocken Tafelsilbers, einem geheimen Erkennungszeichen), aber auch Michael Seemann, dem das Paradoxon gelungen ist, sowohl zu dieser Population als auch nicht dazu zugehören, obwohl niemand genau weiß, ob er Tafelsilber hat (und, wenn ja, von wem). Der frische Beitrag Rainer Meyers in der Blogbar steht dem nicht entgegen, da er zwar scharfe Worte von „Missbrauch“ gegen die Populationenmitgliedin Julia Seeliger richtet, aber eben in der Blogbar und nicht auf faz.net und somit von einem alter Ego Rainer Meyers ausgesprochen wurde, das sich nicht zufällig auch gar nicht „Rainer Meyer“ nennen lassen möchte. Das ist so ähnlich wie bei Michael Seemann, der die „Nerdkultur“ liebt, obwohl sie ihm zugleich auf die Nerven geht, und der damit in gewisser Hinsicht etwas mit Rainer Meyer gemeinsam hat, obwohl beide Seiten dies bestreiten werden. Möglicherweise werden auch alle vier Seiten der Beteiligten dies bestreiten, was wieder sehr klar zeigt, wie homogen das Gebilde „Netzgemeinde“ ist.

(Zu dieser Population zähle wohl dann auch hin und wieder ich, wobei ich – wie Constanze Kurz – natürlich nie auch nur beiläufig erwähnen würde, dass etliche meiner Texte auch im Print erscheinen und ich mich keineswegs mit Constanze Kurz vergleichen möchte, die mich wegen ihres nachdenklichen Tones und abwägenden Urteils immer wieder beeindruckt.)

Freilich zeigt sich bei genauem Hinsehen, dass dasjenige, was die Personen verbindet, nunmehr das ist, was sie am deutlichsten von einer etwaigen Netzgemeinde trennt, weil sie zwar im Netz schreiben, aber irgendwie auf der anderen, der holzigen Seite, was ja im Grunde gar nicht das Netz ist. Beobachtet man also die Netzgemeinde, ist sie schon keine mehr  – ein Phänomen, das schon Heisenberg in die Unschärferelation trieb.

Alternativ wäre auch das Erklärungsmodell denkbar, dass diese Personen alle die Köpfe der Netzgemeinde sind (oder, um sachlich zu bleiben, ein kleiner Teil davon) und diese Gemeinde nun nicht mehr über eigene Geistliche verfügt (oder, um sachlich zu bleiben, nur noch einen großen Teil), von denen sie das Wort Gottes hören möchte. Dann aber müsste eine Erklärung dafür gefunden werden, warum dieser Personenkreis in der Regel eher die unvernetzte Gemeinde als die Netzgemeinde abkanzelt, und selbst dann würde man Johnny Haeusler übersehen haben, der mit seine Positionen zum Urheberrecht immer deutlich zeigt, dass zwischen ihn, Tim Renner, Mark Chung vom VUT und Peter Tauber kein Blatt Papier passt, oder zeitgemäßer formuliert: Keine Glasfaser passt zwischen Johnny, Tim, Marc und Peter. In Berlin geht sogar das Gerücht, gestreut von Doro Bär (CSU), sie sollten alsbald ihre privaten Verhältnisse miteinander regeln.

4.  Die These vom Übertragungsfehler

In den letzten Tagen taucht das Argument auf, dass es statt „Netzgemeinde“ richtigerweise „Netzgemeinschaft“ heißen müsse. Als Grund wird gern angeführt, dass es sich um einen Übertragungsfehler oder ein Missverständnis handelt. Wir sehen jedoch an diesem Auszug aus einer beeindruckenden Präsentation, die der Trendforscher Prof. Peter Wippermann letzte Woche auf der Social Media Week in Hamburg hielt: Gemeinschaften im Internet bleiben die bestimmenden Elemente der Diskussion, allen voran Gemeinschaften und Internetgemeinschaften (jeweils über 35%). „Quod erat demonstrandum“ kann man da nur sagen, 1:0 für Prof. Wippermann.

Prof. Peter Wippermann, trendbüro (Auszug)
Prof. Peter Wippermann, trendbüro (Auszug)

Erschreckend ist in diesem Zusammenhang, dass fast die Hälfte der Personen, die in Gemeinschaft leben (18%), keine Freundschaft miteinander pflegen. Schade, dass man hier nicht auch das Geschlecht gesondert ausgewiesen hat.

5. Die vernetzte Netzgemeinde

Eine letzte Möglichkeit schließlich läge darin, dass die Netzgemeinde gar keine klar abgrenzbare Gruppe bildet. Sind es gut 50 Millionen Internetnutzer, 23 Millionen Facebook-Nutzer oder zwei Millionen Twitter-Nutzer? Selbst wenn es nur Twitter wäre, so wäre dies auch noch eine Schaufel Sand aus einem Eimer, eine unübersehbare Menge. Es könnte sogar sein, dass es gar kein gemeinsames Merkmal gibt, außer der Nutzung dieses famosen Werkzeuges Internet, und dass soziale Gefüge gar nicht so einfach in Netzschubladen sortierbar sind, sondern ein Netz aus Beziehungen sind, bei dem jeder mit jedem über ein paar Grade verbunden ist (s. The Jackson Six). Zieht man an einem Graphen, kommt ein Netzknoten-Mensch, zieht man weiter an einem anderen, der nächste, wie bei einem abgeribbelten Pullover, nur dass in diesem Fall rund 50 Millionen Netzknoten abzuribbeln sind, was ein bisschen dauert.

Mit etwas mehr Distanz könnte man sogar auf die Idee kommen, dass alle Menschen ohnehin als ein netzförmiges Beziehungsgeflecht angesehen werden können, deren das Internet nutzende Teil einen Auszug aus diesem Netz darstellt. Diese wiederum könnten selbst als Netz anzusehen sein, von dem jedoch ungeklärt ist, wie dick die Kanten und wie stark vernetzt die Knoten untereinander sind.

Und diese Knoten wiederum sind vielleicht besonders kommunikationsfreudig, vielleicht zieht es sie aber auch ins Internet, weil sie eben nicht so kommunikationsfreudig wie Nicht-Netz-Knoten sind. Vielleicht haben sich diese Knoten aber auch erst weiter zu einem Beziehungsgeflecht ausgeformt, weil es das Internet schon etwas länger als diese Diskussion gibt (oder andersherum). Aber das kann nur wissen, wer alles sieht, alle Knoten im ganz großen Netz, und wer kann das schon, außer IHm, dem EInen. Und selbst das ist umstritten, weil seinesgleichen zwar Kopieren kann, aber auch das kann ja heutzutage jeder.

 

1 = Auf vielfachen Wunsch: Meh

Kommentar schreiben

18 Komentare zu
“Die Netzgemeinde”

  1. Kleiner Hinweis: Die Links zum Handelsblatt sind No-follow-Links. Steht auch im Text.

    Und den Hinweis, dass das HB mein früherer Arbeitgeber ist deshalb zu finden, weil Kommentatoren darum gebeten haben. Ich halte dies auch für vollkommen legitim.

  2. Superb.

    Letztlich gibt es immer nur „die“ und „uns“. Wer wer ist, wechselt je nach Betrachter. Ende.

  3. Raventhird sagt:

    So viel Text für ein schwammiges „Nein“? Natürlich gibt es eine „Netzgemeinde“. Die besteht aber mit Sicherheit nicht aus allen Leuten mit Internetanschlüssen oder allen Twitternutzern. Im Zweifel erkennt man sie im Sinne der „Echo-Methode“ an denjenigen, die aufgeregt twittern, wenn irgendein C-Politiker in irgendeinem komischen Blättchen was gegen das Internet schreibt. Oder daran, dass sie sich damit beschäftigt, ob sie wirklich existiert.

    In Tweetlänge ausgedrückt: „Die Netzgemeinde gibt es nicht! Wir sind alle höchst unterschiedliche Individuen! (233 Favs, 468 RTs)“

  4. Fritz sagt:

    Haha, schön scharf abgehandelt.

    Bleibt die Frage, woher die Sehnsucht kommt, eine „Gemeinde“ zu sein oder einer solchen anzugehören. Das „Gemeinschaftsgefühl“ hat historisch auch schon dubiose Facetten gehabt. „Volksgemeinschaft“ … (synchronisiertes Denken, Handeln, Fühlen, Wollen …)

    Man muss nur fragen, gibt es Solidarität im Netz?, und es ist klar, dass die Netzgemeinde auch nicht viel mehr ist als die Abbildung der Offline-Gesellschaft mit ihren geschätzten 10.000 Interessensgegensätzen …

  5. Tharben sagt:

    Ich würde gern wissen, wo Ihre Texte im Print erscheinen.

    1. Christoph Kappes sagt:

      Im Merkur (siehe letzter Blogbeitrag hier, unter „Lang“), in der F.A.Z. und der F.A.S., unregelmässig (die Online-Versionen sind hier verlinkt, wenn es Online-Versionen gab). Der nächste kommt wohl nächsten Sonntag, nicht in meiner Hand. Im März- oder im April-Heft der Blätter gibt es auch einen Beitrag.

      1. Christoph Kappes sagt:

        @Tharben: Hat super geklappt, verstehe ich erst jetzt ;-).

        1. Tharben sagt:

          Es war keine reine Trollierung, es hat mich auch interessiert. :)
          Ich las das Blog bisher noch nicht, daher kannte ich die Links nicht.

  6. vera sagt:

    Gnihihi. Wunderbar.

  7. Natürlich können wir die Welt, also die sozialen Systeme als Netzwerke modellieren – und sehen dann sogar mehr. Zwar immer noch unscharf, aber immerhin 😉

    Und wenn wir uns „Ihr seid alle Individuen“ dann noch als Adressen vorstellen, wir also das Resultat unserer Zuschreibungen sind, können wir auch erklären, warum Herr Wippermann für köstlichen Unfug wie den der 18% rational orientierten Gemeinschaften ein Publikum findet.

    Um es kurz zu machen: Toller Text – und das Handelsblatt war nie mein ehemaliger Arbeitgeber.

  8. Daniel Bönisch sagt:

    Seit ich weiß, dass es die Netzgemeinde gar nicht gibt, fühle ich mich leer und verlassen. Dann gehe ich eben wieder auf die Suche.

  9. Heike Rost sagt:

    Gemeinde, och nö. 😉 … Christoph, klasse Text. Danke!

  10. Dagger sagt:

    Sehr unterhaltsam :-)

  11. D. C. Paria sagt:

    Die referenztheorethische Annäherung ist durchaus berechtigt. Es gilt:
    „Tatsächlich interessiert nur, dass Wörter durch ihren Gegenstandsbezug, d.h. durch ihre Referenz, in ihrer Bedeutung definiert werden sollen“
    (Oswald Schwemmer, Kulturphilosophie).

    Doch die Referenzierung versagt:
    Laut dem Duden ist die 2.Bedeutung des Gemeindebegriffs:
    „Die Gesamtheit der Bewohner einer Gemeinde.“
    Der personale Anteil dieser Bedeutungsstruktur definiert sich also durch das Bewohnen, in diesem Zusammenhang also durch die Teilnahme.

    Inwiefern nun ist Netzgemeinde als Ort zu definieren?
    Was ist das Netz, das von dieser Gemeinde bewohnt wird? Richtig, ein virtueller Raum, der sich einerseits durch die geschaffene technische Struktur und besonders auch durch die Inhalte abgrenzt.

    Und so nähern wir uns nun also doch diesem Phänomen durch den kleinsten unteilbaren Nenner, nämlich die Teilnahme an den Web-Inhalten an.

    Zusammengefasst bleibt festzustellen, das die versuchte referenztheorethische Annäherung in einem neoliberalen Spaltungsversuch fast kafkaesker Diffusität ausläuft.

    Es muss nicht jede Ideologie zerredet werden. Besonders nicht 2.0.

  12. So eine bodenlose Gemeinheit, pardon, Gemeinde! (köstlich!)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *