18.04.2012

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Kopiermaschine Internet (SpOn)

Mein Beitrag zur Urheberrechtsdebatte heute bei SPIEGEL Online.

Der guten Ordnung halber möchte ich hier noch dazu sagen, dass ich das Urheberrecht nicht ablehne. Meiner Auffassung nach sind die Änderungen – ich würde sie nicht einmal als Vorschläge bezeichnen, sondern als Prognose, wie es kommen wird – durchweg keine größeren Eingriffe, solange man die Frage der Schutzdauer nicht anfasst. Hinsichtlich der Schutzdauer ist mir die Debatte viel zu emotional, sie muss sehr differenziert nach Leistungsarten erfolgen und vor allem müssen belastbare Aussagen über die Konsequenzen für die Beteiligten ermittelt werden. Was nun die im Artikel angedeutete durchgehende Erfordernis der Mindest-Schöpfungshöhe angeht, halte ich diese allerdings für unvermeidbar, weil die durchschnittlichen Werke heutzutage mit nicht mehr signifkantem Aufwand erstellt werden – der pauschale Schutz jedes einzelnen Fotos wirkt sich als Hindernis aus, das auf die Dauer entfallen wird (siehe vorheriges Posting zu „Panta Rhei“), wobei ich die Frage des Entgeltes ausdrücklich hier offenlassen möchte. Auch fanden einige Leser meine Aussagen auf SpOn zum Urheberpersönlichkeitsrecht revolutionär; indes ist das, was ich vorschlage, einfach nur geltendes, amerikanisches Recht.

Was leider im Text ganz untergeht sind die Gründe, warum ich glaube, dass die Urheber langfristig in keiner so schlechten Position sind. Hierzu werde ich an anderer Stelle noch etwas schreiben. Es sind mehrere Gründe: erstens verschlechtern sich durch digitale Disruption überall die Intermediäre, weil Märkte transparenter werden und die Leistungserbringung mit digitalen Prozessen und mit weniger Overhead erfolgen kann. Zweitens sind – das übersehen zur Zeit alle Diskutanten weltweit – auch die Internetgiganten Opfer der Kopiermaschine: das Herz von Google und Facebook ist Software – diese Unternehmen werden immer leichter kopierbar, weil ihre Best Practice zunehmend dokumentiert und vor allem in den Köpfen der Spitzenkräfte ist. Ich bin davon überzeugt, dass das Kernteam jeweils sehr sehr klein ist. So kenne ich es von anderen Unternehmen im Softwarebereich. Wenn sich aus diesem Kernteam Menschen abspalten, so nehmen sie Knowhow mit – das ist ja sogar einer der Treiber des Tempos im Valley. Ausserdem kopieren die Unternehmen untereinander ihre Erfolge: Google hat Android aus iPhone abgeleitet und den Store, um nur zwei Beispiele zu nehmen, die jeder kennt. So entstehen Oligopole, die auf vielen verschiedenen Teilmärkten agieren, dort jeweils in hartem Wettbewerb sind. Das Ergebnis ist neben hohem Innovationsdruck auch ein Preiskampf. Meines Erachtens ist jetzt schon abzusehen, dass die Margen der „Gatekeeper“ dadurch auf ein Bruchteil sinken könnten: 30% oder 40% Umsatzprovision, wie Apple sie heute einbehält, werden Richtung 10% sinken. Das Ergebnis sind sinkende Endkundenpreise, welche die Nachfrage erhöhen werden (Preisabsatzfunktion für Anfänger). Und so weiter. Bedingung ist, dass die amerikanischen Antitrust-Behörden weiter funktionieren. Am Ende bleibt es bei der einfachen Formel: Inhalte werden nachgefragt und auch bezahlt, wenn sie nicht verwechselbar sind.

Gefährdet sind am Ende die Intermediäre, die zu wenig Wertschöpfung (gemessen an der Marge) erbringen, sie müssen schlanker werden, prozessoptimierter. Gefährdet sind auch Urheber, die verwechselbare Inhalte „nach Kochrezept“ produzieren. Wenn dies beiden geschieht: recht so.

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