26.08.2014

Ansichten: 5.665


Replik auf Evgeny Morozov (Hans-Böckler-Stiftung)

Auf der Tagung „Die digitale Arbeitswelt gestalten“ der Hans-Böckler-Stiftung (9.-11. September 2014 in Rüsselsheim) werde ich Evgeny Morozov auf seine Rede „Digitale Technik und die Freiheit des Menschen“ antworten. Und das mit grossem Vergnügen.

Kommentar schreiben

3 Komentare zu
“Replik auf Evgeny Morozov (Hans-Böckler-Stiftung)”

  1. Lieber Christoph Kappes,
    das würde ich mit vermutlich ebenso großem Vergnügen lesen, kann wegen des zeitgleichen Weltkongresses der Kulturpolitikforschung in Hildesheim aber leider nicht da sein. Wird es etwas zum Nachlesen geben? Mein eigener Beitrag zur Morozov-Debatte hier zur Kenntnis: http://derkulturpolitischereporter.wordpress.com/2014/07/08/die-sensation-des-banalen/

    Herzlicher Gruß, Peter Grabowski
    (der kulturpolitische reporter)

    1. Christoph Kappes sagt:

      Habe Ihren Text gelesen und teile in etwa Ihre Auffassung. Entweder handelt es sich um Banalitäten. Oder die Position wird so gar nicht vertreten. In Deutschland etwa muss man lange suchen, von Michael Maier und vielleicht noch dem frühen Sascha Lobo abgesehen findet sich zumindest in der Medienlandschaft kein Euphoriker. (Anders auf Spezialgebieten wie demokratischer Partizipation, Commons etc.). Zudem kann er sich von der Idee nicht lösen, dass das Werkzeug etwas vom Menschen getrenntes ist; folglich kann er nur schwarz-weiss in guten oder schlechten Erwartungen an Technik denken, wogegen 70 Jahre Techniksoziologie offenbar ausgeblendet sind, die ja eher die Dichotomie auflösen (man denke an Soziotechnik bis ANT). Das wurde ja alles schon mal durchgedacht, bevor es im FAZ Feuilleton auf eher schwachem Niveau noch einmal angebracht und dann von Schirrmacher zu einem Macy-Kybernetik-Kalter-Krieg-Narrativ verrührt wurde, das einfach alles durcheinander bringt. Die Kybernetik etwa spielte ja auch hier eine Rolle, denke man nur an Georg Klaus, Karl Steinbuch, Erwin K Scheuch, Hans Sauer – es war der Zeitgeist der 60er und 70er, der an die Planbarkeit und Formalisierbarkeit glaubte, aber eben auch glauben musste. Die Kybernetik dieser Zeit ist eine Antwort auf die gesellschaftlichen Probleme (und das US-Militärgespinst eine Folge, stellvertretend für alle Militärgespinste dieser Zeit). Jospeh Weizenbaum beschreibt schon in den 70ern – und niemand ist unverdächtiger als Weizenbaum! – dass die Kybernetik eine Antwort auf die Probleme sein wollte, die damals bestanden. So etwa waren manuelle Prozesse in vielen Bereichen nicht mehr handhabbar. Was Morozov „Solutionismus“ nennt, auch wenn es einfach gestrickte IT-Gehirne in Kalifornien reichlich überdrehen (Ray Kurzweil etwa mit seiner Singularity-Theorie), ist ein technikgeschichtlich erprobter und valider Ansatz. Die meisten technischen Innovationen fanden nicht sofort ihre Anwendung, es gibt massenhaft Überraschungen, Umwidmungen, Fehlschläge. Etwa war die Email ein Unfall und die Lok entstand erst hundert Jahre nach der Dampfmaschine, weil jemand sie auf Räder setzte. Es ist technikgeschichtlich eher evident, dass von einer möglichen Lösung her zu suchen ein sinnvoller Weg ist – neben dem anderen, ganz gezielt zB im Pharmabereich nach Lösungen zu suchen. Abgesehen davon, dass vermutlich eher eine anthropologische Wahrheit ist, dass der Mensch nicht beschloss, er wolle Feuer machen, und dann das Steineschlagen erfand, sondern er den Funken beim Steineschlagen entdeckte und daraufhin die Idee hatte, Feuer zu machen. Und schliesslich ist die Produktion von Lösungen, die sich dann erst den Zweck suchen, eine ganz klasssiche Zweck-Mittel-Umkehr, die schon nach Luhmann ganz typisch für autopoetische Systeme ist: sie produzieren, weil zu produzieren ihre Aufgabe ist. So erzeugt die Wissenschaft Wahrheit – und mit dieser Wahrheit kann man dann hinterher sehen, was man mit ihr anfängt.

      Ja, wahrscheinlich schreibe ich hier etwas. Lieber wäre mir aber ein Text, mit dem ich mich auseinandersetzen könnte, weil ich dort die kategorialen Fehler zeigen kann.

      Ich bin meist recht entsetzt, wenn ich Feuilletonisten über Morozovs Thesen lese, weil sie an den Inhalt wie Literaten herangehen: kein Hauch von Wille, sich mit soziologischer Theorie und Technikgeschichte oder Technikphilosophie zu befassen. Dem entsprechend sind dann auch die Texte. Schön zu lesen, aber analytisch schwach. (Immerhin haben Dirk von Gehlen in der SZ und auch Eduard Kaeser in der NZZ sich eher kritisch geäussert.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.